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Der Sagenkreis um Löhlitz

Gesammelt von GUNDA RAUH
Eingeleitet und bearbeitet von WILHELM MÜLLER
Aus: Der Sagenkreis um Löhlitz. In: Archiv für Geschichte von Oberfranken, Band 43, Bayreuth 1963 

Inhaltsverzeichnis
1. Die zwei Schlösser in Löhlitz,
2. Die zwei feindlichen Schloßherren,
3. Der ungetreue Verwalter,
4. Die Holomannskapelle,
5. Die Rote Marter,
6. Die Spreißelmarter,
7. Die Dreifaltigkeitsmarter,
8. Das Kreuz bei Löhlitz,
9. Sagen vom Schafhof,
10. Andere Löhlitzer Pöplgeschichten,
11. Am Kieberloch und Langeracker,
12. Verhextes Vieh im Schafhof,
13. Wie der Schäfersbauer zum Lindig kam,
14. Oberndorfsagen 

Einleitung
Vom Tal der Wiesent öffnet sich bei Nankendorf (Landkreis Ebermannstadt) nach Osten ein schmales Tälchen, in dem es nur zwei Siedlungen gibt: den Einzelhof Schafhof und das Dorf Löhlitz. An der Südwestflanke der Neubürg (586 m), etwa 3,5 Kilometer nordöstlich Löhlitz entspringend, fließt in diesem Tälchen in südwestlicher Richtung der Schmierbach, der bei Nankendorf in die Wiesent mündet. Er hat seinen Namen vom Opalinuston, in den er sich eintiefte und den er, besonders nach starken Regengüssen, an manchen Stellen zu einem schmierigen Brei auflöst. Schon bald nach seinem Ursprung beträgt der Höhen-Unterschied zwischen der Talsohle und der aus Eisensandstein bestehenden Uferhöhe oft an die 100 Meter. Auf langer Strecke handelt es sich demnach um ein altes Kerbtal, das sich zudem etwa einen Kilometer vor der Mündung in die Wiesent bei Nankendorf stark verengt, weil dort die bis über 500 Meter aufsteigenden Weißjura-Höhen, der Hüll-Berg von Norden und die Bürg von Süden, mit Steilhängen herantreten, 1).

Die Eisensandstein-Höhen sind zumeist mit Kiefernwald bedeckt. Entlang den Ackerstreifen auf den steilen Hängen ziehen sich Mauern aus Malmscherben und anderen Lesesteinen; Gesträuch und Gebüsch aus Schlehdorn, Hasel und Schneeball wachsen dort, und im Hochsommer entfaltet in der von Seggenarten bestandenen Grasnarbe die Steppenheideflora ihre ganze Pracht. Im Norden, weiter östlich und im Süden geht der schüttere, durch Ackerflächen unterbrochene Wald in eine umfängliche Zone geschlossener Wälder über. Der Hüllberg ist die südliche Verlängerung des dunkel bewaldeten Appenbergs, dessen Nordstirn durch das Truppachtal vom Plankenstein getrennt wird. Der Löhlitzer Wald hat mehrere Reviere, deren Namen vielfach die dort durchlaufende Grenze zwischen den Landkreisen Ebermannstadt und Bayreuth bezeichnen, die mit der alten bambergischen und bayreuthischen Grenze identisch ist. Zu dieser Art von Flur- bzw. Revier-Namen gehören z. B. "Teufelswinkel", "Seelenzen", "Gamerelle" und "Schnackeneck", letzterem entspringt der Ortsname (ON) "Schnackenwöhr, 2), ein Weiler nö Plankenstein (Berg mit Burgruine, 481 m und Ort gleichen Namens, dazu das nahegelegene Dorf Plankenfels

1) M ü l l e r, W.: Das Ahorntal. Landschaft und Siedlung. In: AO, Bd 37, 1955, S. 57 ff.
2) M ü 11 e r, W.: Marken und Grenzen. In: Heimatbote, Beil. z. Fränk. Presse, Bayreuth, Jg. 9, 1957, Nr. 1. Mit dem Insekt "Schnake" haben diese Namen nur insofern etwas zu tun, als mhd. snàke zugleich die "Spitzige" bedeutet (weil sie sticht), wie heute noch z. B. im norwegischen Dialekt: snàke = hervorspringende spitze Landzunge«, desgleichen snòk = Schnauze, Nase. Meist liegen die mit "schnacken" - als Bestimmungswort zusammengesetzten Gelände- und Ortsnamen in einem "Winkel" an der Grenze.

gehören ebenfalls zum Namensgut der Grenze, 3). Ferner sind hier zu nennen: Ringau, Neuwelt, Fräuleinsteig (mit Sage von den Drei Fräulein, die auch von Burg Plankenstein erzählt wird), Außerleithen und Außerer Graben, die beiden letzteren hart nördlich der Neubürg, einer "Dreiländerecke", wo die Genzen der Landkreise Bayreuth, Pegnitz und Ebermannstadt zusammenstoßen. Die vorkommenden Orte sind in der Grenzbeschreibung zu finden.

Noch aufschlußreicher ist jedoch, daß am Löhlitzer Anger, östlich Nankendorf, ein Territorium beginnt, das den im östlichen Franken noch mehrfach vorkommenden Namen "Landsgemeinde" trägt und sich über die Waldberge hinweg bis Weiher, Eichig und Kirchahorn im Ahorntal erstreckt. An der Landsgemeinde waren nur ganz bestimmte "Rechtsdörfer" zur Nutzung anteilig, 4). Inmitten des Territoriums hatte der Forsthufner in der Landsgerneinde seinen Ansitz, 5) auf der "Vorstube" (= Forsthube), der über dem Zeubachtal bei der sagenhaften "Holomanns-Kapelle" lag. Die Landsgemeinde ist ein Markwald mit einst genossenschaftlicher Nutzung der in der Centene bzw. Forestis Waischenfeld und Nankendorf auf ursprünglichem Königsboden angesiedelten Leute.

Der Ansitz "Vorstube" (Forsthube) scheint eine nördliche Entsprechung in Löhlitz selbst gehabt zu haben, wo ein Turmhügel nahe dem Schmierbach stand und ein mauerumgürtetes Schloß, das Peter Sengelaub auf seiner farbigen Wildbann-Karte von 1607 festgehalten hat (vgl. Abbildung!), am westlichen Hang, beim heutigen Wirtshaus gelegen. Die Turmhügel-Anlage in der Aue steckt teilweise in einem später darauf errichteten Haus mit Wirtschaftsgebäude und Backofen (vgl. Abb.). Daß es sich um einen Rundturm handelte, kann an den noch vorhandenen Resten beobachtet werden, 6). Aus einem Rinnsal, von der östlich anschließenden Aue her, wurde der Graben gespeist. Der Schmierbach fließt nahe vorbei. Vom Ringwall sind noch Reste sichtbar. Die bei Dorfbewohnern geläufige Bezeichnung "Schloßhof" bezieht sich allerdings auf den Ortsteil am Westufer des Baches, während die Turmhügel-Anlage in der Aue gewöhnlich als "Wasserschloß" bekannt ist. Sie war noch 1453 der Ansitz eines Contz von Christanz (ein Zweig der Groß von Trockau; Christanz im Ahorntal war

3) Plankenfels, mundartlich lankafels, wohl von ahd. blanca, mhd. lanke = Krümmung, Biegung"; nach anderen von ahd. blanch, blank, kahl, weißglänzend«; ferner ist auch, allerdings ohne Beachtung der Mundartform, Deutung mit Planke = Einzäunung etc.' möglich. - Über die Burg Plankenstein vgl. K u n s t m a n n, H.: Burgen in Oberfranken, I, Kulmbach, 1953, S. 133. - Grenzbeschreibung von 1650 bzw. 1727 bei D i e t r i c h, K.: Territoriale Entw. Bayreuth. Kallmünz 1958, S. 125 ff. -,Seelenzen' wird von E. Eichler zu sl. zeleny - grün« gestellt, vgl E. Eichier u. H. Jakob: Slaw. Forst- u. Flurnamen im Obermaingebiet. In: Wiss. Zs. d. Univ. Leipzig, Jg. 11, 1962, H. 2.

4) Vgl. M ü 11 e r, W.: Ahorntal, S. 93 ff. (s. Anm. 1).
5) Beschreibung des Ansitzes und der vorgeschichtl. Gräber bei: S c h w a r z, K.. Die vor- und frühgeschichtlichen Geländedenkmäler Oberfrankens. Text- u. Atiasbd. Kallmünz 1955, S. 40.
6) Ebda. - Vgl. ferner- Gumpert, K-: Frühmittelalterliche Turmhügel in Franken. In: 70. Jber. Hist. Ver. Mittelfranken, 1950 (mit historischer Einleitung von H. Schreibmüller).

ebenfalls ein Turmhügel mit Wassergraben und Wall, inmitten des Ortes noch in Resten erkennbar). Auf dem Ansitz des westlichen Hanges dagegen saß ein Lehenmann der Egloffsteiner, von denen das Rittergut 1682 an das Hochstift Bamberg heimfiel; bis zur Säkularisation (1803) befand sich darin der bambergische Jäger ("Jägerhaus"). Zum Rittergut gehörte ferner noch der etwa ein Kilometer südwestlich gelegene, schon oben erwähnte Schafhof. Das Dorf Löhlitz ist 1380 als Lelaycz erstmals urkundlich genannt7). Um 1500 hatte es 20 steuer- und zinsbare Leute, darunter auch einen Hintersassen der Bayreuther Stadtkirche auf einer Selde. Die Deutung des ON ist sehr umstritten. Z i e g e 1 h ö f e r –

H e y (1911) hatten ihn aus asl. lèla , "Muhme", gedeutet, also "Muhmendorf", 8). Auch die durch E. Schwarz (1960) erfolgte neueste Deutung sieht in der Altform Lelaycz slawischen Ursprung, auf einer erschlossenen Form Lelovici und dem Kosenamen Lel'a "Väterchen, Tante" oder auch einem Personennamen beruhend, vgl. Lelov in Böhmen. Dagegen hatte P. Rattler (1953, 9) für die heutige Mundartform leletz frühe Belege angeführt: "5 Acker felds genseits des wegs gen leilitz auf der Riesenhub, . . unam curiam in leiaz (1398); am leleitzer Weg; leletzer Weg (1422)." Er erklärt dies als elliptischen Genitiv der Verkleinerungsform von loh, "Wald". W. M ü 11 er (1955) ergänzte diese Deutung durch den Hinweis auf "die Loh" in der Hauptbedeutung "Kleiner (seitlicher) Talgrund", die besonders durch thüringische Beispiele recht einleuchtend nachgewiesen wurde, 10). Doch erheben sich wegen der bei E. S c h w a r z neu gefundenen Altform von 1380 Lelaycz freilich Bedenken, denn das Diminutivum von Loh: Löhlein oder auch Löhel mit Suffix -itz, -,etz, das nach J. S c h n e t z (1952), 11) zu den Formen wie Kröglitz gestellt werden könnte, erscheint nun nicht mehr ausreichend gesichert, so daß am Ende doch der Deutung aus einer asl. Form der Vorzug zu geben ist. Löhlitz gehörte zum alten Centgericht Waisdienfeld mit der schon vor 1139 bestehenden Mutterkirche St. Martin zu Nankendorf, 12). Der Analogieschluß auf ein in Waischenfeld bestehendes Königsgut leitet sich aus einer in Oberailsfeld (Ahorntal) bestehenden Königshufe her. Die Stellung als Centvorort ist zwar später bezeugt, kann aber auch aus der Tatsache erhärtet werden, daß dort karolingische Reihengräber gefunden wurden und daß das Grundwort -feld im ON in diese Zeit verweist, 13). Die Mutterkirche St. Martin zu Nankendorf war sogar ziemlich sicher eine Königskirche oder mindestens die Domänenkirche einer königlichen Forestis. Als solche konnte sie wie manche andern Martinskirchen in näherer Umgebung vielleicht ursprünglich ebenfalls eine Feldkirche sein (wie z. B. vermutlich Mistelbach oder wohl auch ursprünglich Hohenmirsberg),

7) S c h w a r z, E.: Sprache und Siedlung in Nordostbayern. Nürnberg 1960, S. 300 (Erlanger Beiträge zur Sprach- u. Kunstwiss., Bd 4).
8) Z i e g e l h o f e r, A., u. G. H e y : Die ON des ehem. Hochstifts Bamberg. Bbg. 1911, s. 59.
9) R a t t l e r, P.: Die Flurnamen von Waischenfeld. Diss. Erlangen 1953, S. 61.
10) M ü l l e r, W.: Ahorntal, S. 152 (vgl. Anm. 1).
11) S c h n e t z, J.: Flurnamenkunde. München 1952.
12) H o f m a n n, M.: Beiträge z. Gesch. der Urpfarrei Nankendorf an der Wiesent. In: Fränk. Blätter, jg. 5, 1953, S. 33-36; 38--40. M. Kartenskizze.
13) E m m e r i c h, W.: Das Hauptwegenetz des 11. Jh. in den oberen Mainlanden u. seine Grundlagen in karoling. Zeit. In: Jb. f. fr. Lfg, 15, 1955.

so daß die Dorfsiedlung erst in jüngerer Zeit dazukam. Die Grenze des alten Centgerichts Waischenfeld ist - vor allein auf der nördlichen Strecke - mit der alten bambergisch-bayreuthischen und daher auch mit den heutigen Landkreis- Grenzen identisch. Auf die Wandlung der Verhältnisse zwischen Nankendorf und Waischenfeld (die ursprüngliche Tochterkirche Waischenfeld zog die Pfarrei an sich) ist erst anläßlich der späteren Veröffentlichung des Nankendorfer Sagenkreises einzugehen, 14).

In sehr dankenswerter Weise hat Frau Oberlehrerin a. D. Gunda Rauh im Lauf ihres langjährigen Wirkens in Nankendorf die Sagen der ganzen Gegend gesammelt und für uns aufgeschrieben, 15). Sie saß häufig mit den alten Leuten beisammen und ließ sich alles erzählen, was noch in der Erinnerung der Alten wachgeblieben war. Zum Teil bediente sie sich bei der Niederschrift der Mundart und oft auch der originalen Erzählform. Wir haben diese sehr ursprünglichen Züge der Wiedergabe des Sagengutes möglichst weitgehend beibehalten. Manche Sagen des Löhlitzer Kreises gibt es in mehreren Varianten, die wir fast immer sämtlich mitteilen.

Und nun sollen die Sagen selbst sprechen:

1. Die zwei Schlösser in Löhlitz

Ein alter, längst verstorbener Löhlitzer erzählte: Früher standen in Löhlitz zwei Schlösser, das eine auf dem Schloßberg zwischen Wirt und Düngfelder, das andre auf dem heutigen Gicksanwesen. Das Gickschloß hat einem Herrn von Lüschwitz gehört, das andre hat oft seinen Besitzer gewechselt. Das Schloß derer von Lüschwitz war von einem künstlich geleiteten Wassergraben umgeben gewesen, als Feindschurz. Man sieht heute noch die Grabenanlage, freilich "verwost", 16). Mein Großvater erzählte, daß er noch zum Teil die Schloßmauer kannte. Als man damals den Stadel baute, stieß man auf weiteres Gemäuer. Das Schloß muß schon lang verfallen sein. Dann hat man ein "Gegerhaus" (Jägerhaus) dort gebaut. Ich hab das teilweise noch gekannt, denn erst auf die Trümmer- und Mauerreste hat man unser jetziges Haus gebaut.

Die zwei Schloßherrn sollen immerzu gestritten haben. Keiner hat dein andern mehr getraut. In der Flur und bei der Jagd sind sie sich aus dem Weg gegangen. Aber einmal kam der Herr vom untern Schloß bis in die späte Nacht nicht heim. Mit Laternen ging man auf die Suche. Da fand man ihn mit einem "Gschoß" in der Brust im Wald. Gleich erriet man den Mörder. Und die Leute haben nachts die Fenster des oberen Schloßherrn mit Rasenbatzen beworfen. Mehr getrauten sie sich nicht, denn man hatte Angst vor ihm. Das Geschlecht derer vom untern Schloß war mit diesem Ermordeten ausgestorben.

 14) Evtl. in: AO, Bd 44, 1964.
15) Frau Oberlehrerin a. D. R a u h hat sich damit große Verdienste um die historische Volkskunde erworben; dafür sei ihr auch an dieser Stelle nochmals wärmstens gedankt.
16) Verwost = mit Gras überwachsen. - Die Herren von Lüschwitz, die 1583 bis 1728 auf Glashütten, Lkr. Bayreuth, saßen.

Der obere Schloßherr aber mußte flüchten. Kein Dienstbote blieb mehr bei ihm. Der Mörder starb auf einem seiner andern Schlösser. Seit der Zeit ging's auf dem "öwan" (= oberen) Schloß um. Um Mitternacht stand oft ein großer schwarzer Hund auf dein Schloßberg und zeigte eine feurige Zunge; alle Leute wählten dann einen Umweg zu ihren Häusern. Später grub man in der Gegend, wo das obere Schloß stand, teils weil es notwendig geworden war zum Bau des heutigen Gasthauses, teils um eine Straße zu bauen. Da stieß man auf Mauerreste. Dabei hat man auch einen irdenen Tiegel voll alter Goldstücklein gefunden, die aber ihren Geldwert verloren hatten, 17).

2. Die zwei feindlichen Schloßherren

Die zwei Löhlitzer Herren konnten sich nicht leiden, denn einer neidete dein andern den Besitz. Des einen Reichtum war der Wald, der andere war der Grundstücksbesitzer. Und da die Flurgrenzen überall aneinanderstießen, lauerte der eine dem andern auf, ihn bei einer Flurrechrsverletzung zu ertappen. Noch einen andern Grund hatte die große Feindschaft. Beide Herren liebten dasselbe junge Mädchen, die Tochter des Christanzer Herrn. Das Mädchen war dem stilleren unterm Schloßherrn zugetan, denn der andere Herr war ein wilder Gesell, ungut zu Mensch und Tier, doch hatte er größere Reichtümer. Auf einem Pirschgang erlegte der Jagdherr in später Dämmerstunde einen prächtigen Bock. Doch das Tier flüchtete noch eine Strecke weiter und fiel zu Tod getroffen erst in der Waldwiese des oberen Herrn ins feuchte Gras. Noch ehe der Jägersmann von seinem Anstand herunterkam, trat schon sein Gegner aus dem Buschversteck und versetzte dem Tier den Todesstoß. Höhnend rief der Neider zum Jagdherrn hinüber "Betritt meinen Grund und Boden nicht, sonst gibt's Menschenblut!" Was wollte der Mann machen? Doch da kam ihm ein guter Gedanke. Kurze Zeit vorher war er mit dem umworbenen Mädchen ins reine gekommen, noch vor Kathrein sollte die Hochzeit sein. Darum rief er in sieghafter Freude hinüber zu seinem Gegner: "Sollst den Bock haben, die Geiß aber gehört mir." Doch schon krachte ein Schuß und der letzte Besitzer derer vom untern Schloß war ausgelöscht.

3. Der ungetreue Verwalter

Der alte Düngfelder aus Löhlitz erzählte:
Als Buben haben wir zu gern da unten beim Gickshaus (Wasserschloß) gespielt. Oft ist da ein Mauertrumm eingefallen und allwell hat's so hohl gepumpert drunten. Schon die Alten haben erzählt, daß da ein unterirdischer Gang vom Schloß zum Wald geführt habe, ein ganz versteckter; nicht einmal die Hausgenossen haben davon gewußt, als der eine Schloßherr noch lebte.

17) Die beiden Löhlitzer Turrnhügel kommen in der Sage als historische Tatsachen vor. Die Verfeindung der in zwei nahe beieinander gelegenen Burgen« sitzenden Herren ist ein häufig vorkommendes Motiv. Nicht seiten bekämpfen sich die feindlichen Herren durch gegenseitigen Hammerwurf, z. B. in den Sagen von den Burgen Kosenberg und Ammerthal/Opf. (P an z er, I, Nr. 124). - Dem Bearbeiter wurde übrigens von einem alten Löhlitzer Bauern die Sage von den beiden feindlichen Schloßherren ebenfalls erzählt, sogar in einer weiteren Variante, wobei der Hammerwurf vorkam.

Die einen sagen, daß der Gang bis zum Burgstuhl, 18) gegangen sei, die andern aber behaupteten, daß der Gang in einen Fuchsbau gemündet habe, denn oft hat man den Herrn im Wald gesehen, doch plötzlich war er spurlos verschwunden. Und immer war's in der Nähe des Fuchsbaus. Aber nachzuforschen getraute sich niemand.
Der untere Schloßherr war aber nimmer Besitzer des Schlosses, sondern nur Verwalter. Dieser hat die Leute arg bedrängt mit Zehntleistungen und Abgaben. Manchmal ist auch sein oberster Herr, d. h. wahrscheinlich der Grundherr, von Christanz, 19) herübergekommen, dann hörte man diesen laut schimpfen, denn sein Verwalter war ein Betrüger. Von seinen Einnahmen hat er nicht alles gewissenhaft abgeliefert, sondern die armen Löhlitzer hat er als Betrüger hingestellt.

Der ungetreue Verwalter aber ist dadurch zu großem Reichtum gekommen. Nachts hat ein Bauer, der von der "Leich" eines Verwandten heimkam und am Wasserschloß vorbei mußte, unten im Keller oder unterirdischen Gang Goldstücke klimpern hören. Da hat sich der Lauscher auf den Bauch gelegt und das Ohr an die vermutliche Stelle gehalten. Laut hörte er den Verwalter zählen und dann sagen: "Wieder ein Beutel voll. Bald muß ich eine neue Lade machen lassen." Diese Botschaft sprach sich bald im ganzen Dörfchen herum und wurde dann auch dem Christanzer Herrn berichtet.

Der schickte seinen Vogt herüber, um den Ungetreuen zur Rechenschaft zu ziehen. Der Abgesandte ließ sich nicht mit schönen falschen Worten und Beteuerungen abspeisen, sondern er verlangte, in den Keller geführt zu werden. Als sie drunten waren und der Vogt sich über die Geldlade beugte, ließ der Verwalter den schweren Deckel fallen, der dem andern den Kopf abschlug. Aber von dem Knall stürzte das Gewölbe ein. Niemand fand die beiden Männer mehr.

Aber in den Allerseelen- und Christnächten der folgenden Jahre hat oft ein Licht aus dem Gemäuer geblitzt und man hat Gold klingen hören. Als man später das Haus darauf baute, stieß man wohl auf Mauern, aber auf kein Gewölbe. "Und ich sag, daß da unten doch noch was sein muß", erklärte der Erzähler.

18) Der "Burgstuhl" ist entweder identisch mit dem gleichnamigen Berg (314 m) westl. Volsbach oder mit der 1 km ssw Löhlitz gelegenen "Bürg" (450 m), zu deren Füßen der Schafhof zu finden ist (387 in). Die sagenhaften unterirdischen Gänge bedeuten oft eine Grenzlage oder auch die Zusammengehörigkeit zweier Ansitze. Auf der Bürg wurde bisher noch kein Nachweis einer einst vorhandenen Befestigung gefunden. Das Tal des Schmierbachs trennt die Bürg von der gegenüberliegenden Wacht« (484 m), dem südlichen Sporn des Hüll-Berges (506 m).
19) Wie schon erwähnt, war noch 1453 du Wasserschloß« der Ansitz eines Contz von Christanz im Ahorntal. Die Christanzer waren ein Zweig der Groß von Trockau (seit Ende 13. Jh.). Der Christanzer Ansitz, inmitten des Dorfes gelegen, wurde im Bauernkrieg 1525 zerstört. Heute nur noch ein Teil des Grabens sichtbar. Vgl. S c h ä d 1 e r, A.: Lkr. Pegnitz. (Kunstdenkmäler v. Ofr., II) München 1961. S. 113.

4. Die Holomannskapelle

Die "Holomannskapelle" (oder auch Holomannskirche) ist heutzutage nur noch der Name einer Stelle im Löhlitzer Wald (Höhe 507), etwa 1,5 Kilometer östlich des Ortes. Die alten Leute erzählten, sie hätten noch in den zwanziger Jahren an der Holomannskirche zubehauene Steine herumliegen sehen. Um die Holeomannskirche rankt sich ein reicher Sagenkranz:

1. Auf dem der Holomannskirche gegenüberliegenden Burgstall soll ein Schloß gestanden haben, zu dem das Kapellchen gehörte. Beide waren durch einen unterirdischen Gang verbunden, der steil hinab ins Zeubachtal ging und drüben wieder hochführte. Beim Richter in Neusig soll ein Zwischenau-sgang gewesen sein. Als die Schweden oder Hussiten das Schloß niederbrannten, verriet ein Späher das verborgene Kapellchen mit seinen kostbaren Altertümern an Gefäßen und Schnitzwerk. Der Troß begehrte diese Schätze und stürmte den Berg hinauf, es war zur Christmettenzeit. Aber was war das? Das Kirchlein war verschwunden. In ohnmächtiger Wut zerstörte die Soldateska auch Wall und Wehr. Aus der Tiefe aber hört man noch heute zur Mettenstunde des Glöckleins Klage, 20).

20) Zum Burgstuhl bzw. Burgstall soll auch vom unteren Schloß (Wasserschloß) ein unterirdischer Gang geführt haben (vgl. Arun. 18). Südlich des Schmierbachs zieht sich, durch den Bergriegel, auf dem die Holemannskapelle liegt, abgetrennt, das Zeubachtal von der Neubürg in südwestlicher Richtung zur Wiesent, in die der Zeubach in Waischenfeld mündet. Neusig am Zeubach liegt hart jenseits der Grenze der beiden Landkreise Ebermannstadt und Pegnitz. Die Holemannskirche braucht in Wahrheit keineswegs eine Kirche oder Kapelle gewesen zu sein, zumal dort ein Ansitz nachgewiesen ist, vgl. S c hw a r z, K.. Die vor- u. frühgesch. Denkmäler in Ofr. Kallmünz 1955. - Die Bezeichnung einer Stelle auf einem Berg oder eines Felsens mit "Kirche", obwohl dort nie ein sakraler Bau stand, kommt verhältnismäßig häufig vor (z. B. Gagelkirche" beim Burgstall Fürstenau bei Neuenplos, Lkr. Bayreuth, ferner die vielen "Hundskirchen" in Sachsen, bis nach Tirol und Kärnten; vgl. L e u s c h n e r, Friedr.: Der Flurname Hundskirche In: Nachr.-131. f. dt. Flurn.-Kde., Jg. 6, 1937, H. 3, S. 17-30; E d e 1 m a n n, H.- Geißkirchen, Küh-, Säu- und Hundskirchen. In: Aus d. fränk. Heimat, Kulmbach, 1957, Nr. 1; M o r o, Oswin: Die Hundskirche b. Kreuzen. In: Carinthia, I, Jg. 50, 1940, S. 229-244). Nach S e i b o l d, Hans: Sagen a. d. Nürnberger Landschaft. Hersbruck 1955, S. 31/32 ist z. B. die Annerleskirche" (von: Andreas) im Ankatal eine Felsenhöhle, ebenso die Clauskirche bei Betzenstein; dagegen ist die Gotthardskirche bei Velden, Lkr. Hersbruck, ein Bergstock mit schöner Aussicht; doch knüpfen sich an diese Namen mit "Kirche" sagenhafte Vorstellungen von frühchristlichen Kultstätten, die aber sicherlich sekundär sind und zur richtigen Deutung kaum in Betracht kommen, obwohl an der Holemannskapelle auch vorgeschichtliche Grabhügel zu finden sind. Ebenso schwierig ist die Beantwortung der Frage, ob es sich bei dem Bestimmungswort Holemann tatsächlich um den irischen Jerusalempilger St. Coloman handelt, der 1012, als Spion verdächtigt, in Stockerau bei Wien hingerichtet wurde und dessen Gebeine - nach mehreren Wundertaten - im Jahr 1014 in das Stift Melk an der Donau übergeführt wurden; vgl. H e i n e r t h, H. C.. Die Heiligen und das Recht. Freibg. 1939 (D. Rechtswahrzeichen, H. 1); J u h à c z, K.: St. Koloman, In: Theol.-prakt. Quartalsschr., Jg. 69, 1916, H. 3; über die Legende vgl. V i t a C o l o m a n i des Abtes Erchenfried (t 1163), MGH, SS IV, S. 675-78; über den Colomani-Segen vgl. Wörterbuch des Aberglaubens, Bd. 2, Sp. 97. - Nach j. N. S e p p : Altbayer. Sagenschatz, Mchn. 1876, S. 135 ff. wird in Aigen am Inn, halbwegs Braunau und Schärding, außer dem hl. Leonhard (Liendl, Würdinger) auch das Kolmannl verehrt; vgl. auch Friedrich P a n z e r : Beitr. z. dt. Mythologie, 11, 33, 390, 568. - St. Coloman, den man nicht mit St. Columban (t 615) verwechseln darf, wird an manchen Orten offenbar mit den Drei Fräulein zusammen verehrt, so z. B. zu Colomaniberg bei Velburg, wo die drei steinernen Jungfrauen stehen (Sepp). - Die Anrufung der Toten in den Sagen bezieht sich auf die vorgeschichtlichen Grabhügel. - Die Sagen 2-4 sind ganz sicher als mit der Grenze in Zusammenhang stehend zu deuten. Als solche sind sie sogar besonders markante Beispiele. In der Sage 2 sind vor allem die Motive: der Mann muß im Kreis herumgehen, verirrt sein, dann von einer Faust erfaßt und schließlich im Flug fortgetragen werden. In anderen Sagen ist es oft das Wilde oder Wütende Heer, in dem der Verirrte eine Zeitlang mitfliegen muß, ehe er abgesetzt wird. Oder es setzt sich ein Tier - oft ein Hase - auf den Rücken, das Tier wird dann zum Menschen und drückt den Lastträger immer tiefer zu Boden, bis das unheimliche Wesen an einer bestimmten Stelle verschwindet. - Noch deutlicher ist das Motiv der schallenden Ohrfeigen als Beweis für das Vorliegen einer Grenzsage. Es handelt sich um die sagenhafte Verbrämung eines Brauches bei der Grenzbegehung, wobei an bestimmten Stellen, besonders an Marksteinen, angehalten und einem oder mehreren, meist jüngeren Teilnehmern eine Ohrfeige verabreicht wurde, damit sich der Grenzverlauf besser in das Gedächtnis einprägen sollte, so wie es im Gegensatz dazu das Ohrzupfen (testes per aures tracti) nur im altbaierischen Gebiet gab. - Die Sage 5 steht eindeutig mit Waldfrevel in der alten Landsgemeinde", die sich von Löhlitz bis Kirchahorn zieht, in Verbindung. Der Weber konnte niemals zu den in der ehemaligen Forestis", nunmehr Landsgemeinde, Berechtigten gehören. Ähnlich ist die Situation in der Sage 6, wo arme Fronbäuerlein Waldfrevel in der Landsgemeinde treiben wollten. - Dagegen könnte es sich bei der Sage 7 mit den drei Löhlitzer Witwen um eine Drei-Fräulein-Sage in besonderer Form handeln, jedoch in seltener Umkehrung des Motivs der schenkenden Fräulein", die hier zu armen Witwen geworden sind. Kein Zweifel ferner, daß das Motiv vom durch die Luft fliegenden Holz in die Landsgemeinde" und ihre Anrechts-Verhältnisse gehört. - Vgl. zur Drei Fräulein-Sage- M ü 11 e r, W.: Um die geschichtliche Wahrheit im Sagengut. In: Fränk. Blätter, Jg. 9. 1957, Nr. 1. - Ferner sei an das schon erwähnte Fräuleinsteig in Grenzlage, ca. zwei Kilometer nö Löhlitz, erinnert.

2. Ein Besucher der Christmette ging zur mitternächtlichen Stunde an der Holomannskirche vorbei nach Nankendorf. Aber höchst wunderlich schien dem Fußgänger, daß er immer im Kreise ging und einfach nicht zu Tal kam. Nun fielen dem Bedrängten die alten Sagen ein, der Schweiß rann ihm unter der Wollmütze hervor übers Gesicht. In seiner Not schrie der Verirrte oder Irrgeführte. "Ihr Toten der Holomannskirche steht auf und helft mir!" Ein kalter Hauch wehte dem Rufer entgegen und eine harte Faust packte ihn beim Rockkragen. In rasendem Saus wurde der Mann über die Baumwipfel weggetragen. über ihm funkelten die frostklaren Sterne der Christmettennacht, unter ihm im tiefen Tal geisterten die Laternen der Mettenbesucher. Wie sollte das enden? Da, kurz vor den ersten Häusern Nankendorfs wurde der Mann sanft auf die Erde gesetzt; über ihn hinweg klapperte das Knochengerippe. Noch rechtzeitig kam der Mann zur Mette. Dort gelobte er, eine alljährliche Messe für die Toten der Holomannskirche lesen zu lassen. Und zeitlebens hatte der Mann Glück.

3. Einmal ging ein Betrunkener über den Berggipfel der Holomannskirche heim, um eine verwegene Wirtshauswette zu gewinnen. Schwer stolperte der Bezechte über Baumwurzeln und Steingeröll bergauf durch den unheimlichen Wald. Wie das so langsam ging! In trunkenem Übermut schrie deshalb der Tolle: "Ihr Toten der Holemannskirche tragt mich zurück zu meinen Saufbrüdern, die sollen sehen, daß ich die Wette gewann." Doch da regnete es plötzlich aus allen Richtungen schallende Ohrfeigen, so daß er nüchtern wurde. In seiner Angst versprach er Totenmessen und Gedenkstein. Und schon wurde der Geohrfeigte emporgehoben, auf ein Totengerippe gehuckt, und im Totenrittempo ging's über Wald und Dorf, daß ihm der Atem ausblieb. Kurz vor seinem Hof schleuderte das Gerippe seinen Reiter zur Erde, und zwar sehr unsanft, daß alle Rippen krachten. Lange lag der Verwegene krank. Seine Wette war gewonnen, aber die Freude am Wirtshausgehen war ihm zeitlebens vergangen. Am Ort seiner Landung ließ er den Stein setzen. Noch vor Jahren las man die Inschrift: I. M. Schatz 1737. Es soll ein Ur-Urahn des Schöchleinsmüllers gewesen sein.

4. Dieselbe Sage in anderer Form:
Vor vielen vielen Jahren ging der damalige junge Schöchleinsmüller von einem Geschäftsgang und darauffolgenden Wirtshausbesuch heim. Dort hatte man sich über die Unheimlichkeiten bei der Holomannskirche unterhalten, von Geistern, Gespenstern und Toten, die zur mittemächtlichen Stunde dort ihr Bannrecht verlören. Doch der unerschrockene Jungmüller wollte das nicht glauben und erklärte, statt des Talwegs den über den Holomannskirchenberg zu nehmen. Alles riet ihm ab, besonders ein alter Mann. Der wußte Schreckliches über den Ort zu berichten.

Unentwegt machte sich der junge Mann auf den Heimweg. Am Kapellenort verhielt der Müller seinen Schritt und rief: "Ihr Toten kommt, wir wollen beten!" Plötzlich stand ein Riesenskelett neben ihm und setzte sich auf des Rufers Rücken. Mit einer Rute trieb er den Mann an zur Eile. Immer schwerer wurde die Last. Der Müller keuchte, schwitzte und stolperte. Aber jedesmal hielt ihn das Gerippe fest am Kragen, daß er nicht fiel. Fahl leuchteten die Knochen im Vollmondschein, der auch auf den schmalen Waldweg fiel. Endlich konnte der Müller die hellen Fenster seines Hauses sehen. Dieser tröstliche Anblick entrang dem Mann ein lautes "Vergelt's Gott!". Sofort war sein Reitersmann verschwunden. Das davonsurrende Knochengehäuse gab dem Mann den Vorsatz ein, an dieser Stelle einen Gedenkstein zu setzen.

5. Einmal ging ein Löhlitzer Weber zur mitternächtlichen Zeit an den Fuß des Holomannskirchberges. Dort standen und stehen heute noch Akazienbäumchen, die sich vortrefflich als Werkholz zu "Haggaheelen", d. i. Beilstielen, eignen. Da man sich unter Tags nicht beim Mitnehmen erwischen lassen durfte, mußte man das bei heimlicher Nacht tun. Mit kräftigem Hieb und scharfer Axt schlug der Mann auf das Stämmchen, doch immer prallte des Beiles Schneide ab, wie wenn sie auf Eisen schlüge. Da ward‘s dem Weber unheimlich und er lief rasch nach Hause. Am nächsten Tag untersuchte er das Bäumchen, aber es war keine Hiebstelle zu entdecken. Nur seiner Frau erzählte er den Schreck und von der erfuhr's das ganze Dorf.

6. Wieder einmal taten sich einige arme Fronbäuerlein des hartherzigen Schloßherrn zusammen, um nachts aus dem entlegenen Waldteil der Holomannskirche einige Brennholzstämme zu holen, ohne Fron dafür leisten zu müssen. Da sahen die Männer plötzlich einen Priester in altmodischem Meßgewand und mit Meßgedeck über den Weg kommen beim Grabstein am Fuße der Holomannskirche. Zwei Ministranten schritten nach mit Meßbuch und Meßkännchen. Über die Lettenstraße gingen sie zur Holomannskirche hinauf. Von einer unheimlichen Macht getrieben, warfen die drei Männer ihre Werkzeuge weg und gingen dem Priester nach. Das Glöcklein der verschwundenen Kirche läutete, ein ganz gewöhnlicher Stein ward zum kerzenbeleuchteten Altar, an dem der Priester seine Messe las. Die Männer folgten in Andacht der Handlung knieend.
Beim "lte missa est" schlug es auf der Nankendorfer Turmuhr 12 Uhr und verschwunden war der Spuk. Wie von Furien gejagt hetzten die Männer heim. Als der Tag dämmerte, schlichen sie hinauf, ihre Werkzeuge zu holen, damit diese nicht zum Verräter wurden. Und siehe! Auf jeder Beilschneide waren drei Kreuzlein eingeprägt, die weder Esse noch Schleifstein entfernen konnten.

7. Aber auch am alten Grabstein unten am Letten zu Füßen der Holomannskirche mit der Jahreszahl 1708 war's nicht geheuer. Einmal gingen drei Löhlitzer Frauen, Witwen waren sie, deren Männer unter harter Fron des Löhlitzer Grundherrn sich zu Tod geschunden hatten, zur Mitternacht an die Grabsteinstelle unten am Lettenweg. Brennholz wollten sie holen zum Wärmen der Stube und zum Kochen der kargen Suppe. Die vielen kleinen Kinder froren und hungerten, denn woher sollten die Armen Heizmaterial nehmen, ohne bezahlen zu können. An der Grabsteinstelle krdeten die Frauen nieder und flehten: "Ihr Toten der Holomannskirche helft uns zu Holz, wir verdienen nichts, in harter Fron nimmt uns der wilde Hansen alle Zeit. Die Ernte mußte ausfallen und die Erdäpfel faulen, der Webstuhl muß stille stehn und unsere Kinder frieren und hungern bei der kargen Wassersuppe. Nur schreiende Not zwingt uns zum Holzstehlen."
Da krachten plötzlich die Bäume wie dürres Reisig. Im Vollmondlicht konnte man ein geschäftiges Treiben beobachten, aber keine Arbeiter. Baum legte sich zu Baum, mit den Wurzeln aus der Erde gerissen, ein riesiger Wall stapelte sich. Die verängstigten Frauen standen mit unter der Schürze gefalteten Händen und bebenden Lippen. Und dann trugen unsichtbare Kräfte die Bäume durch die Luft gen Löhlitz zu. Vor den Wohnungen der Frauen lag der gewaltige Holzstapel. Angstvollen Herzens gingen die Frauen heim, und argen Schreckens voll legten sie sich zu Bett.
Am nächsten Morgen liefen alle Leute zusammen, in erster Reihe stand der geizige Grundherr. Nur die Stockwurzeln an den Stämmen ließen an das Wunder der berichtenden Frauen glauben. Oben im Forst aber standen an Stelle der ausgerissenen Bäume schon wieder Jungstämme.

5. Die Rote Marter

1. Auf dem Weg von Löhlitz nach Mengersdorf, am Schleißranger, ist der Flurteil "Rote Marter". Die ältesten Leute konnten sich noch an einen Martersockel erinnern. Heute fehlt jegliches Überbleibsel von der Marter. Man erzählt: Ein schwedischer Offizier wollte seinen Diener, der Mitwisser vieler Untaten seines Herrn war, beiseite schaffen. Doch längst fühlte der Diener das ungute Vorhaben seines Herrn und war auf der Hut. Eines Tages sollte der Diener seinen Herrn nach Bayreuth begleiten, denn angeblich war dieser des Weges unkundig. Er hieß seinen Diener vorausgehen. Der tat's zwar, doch hielt seine Hand in der Tasche einen Dolch umkrampft. Als sie außer menschlicher Sichtweite wahren, drehte sich der Diener rasch um und sah seinen Herrn mit gezogenem. Säbel. Schnell drang der Diener auf den Offizier ein und ehe sich der nur zur Wehr setzen konnte, stieß ihm der Soldat das Messer in die Brust. Schnell grub er mit einer auf dem Felde liegenden Pflugschar ein Loch und begrub den Offizier. Später setzte man auf den frischen Hügel eine Marter.

2. In Wohnsgehaig waren Kriegsleute einquartiert. Ein Offizier warb in einem Bauernhaus einen Diener von den Söhnen an. Der jüngste erklärte sich bereit, denn die Landarbeit gefiel ihm längst nicht mehr. Bis der junge Kerl seine sieben Sachen zusammenpackte, legte der Offizier seinen blanken Säbel auf den Tisch. Das ärgerte die Bauersfrau. Schnell holte sie die Mistgabel und legte sie neben das Schwert und sagte: "Wo das Messer ist, darf die Gabel nicht fehlen." Zornig fuhr der Mann auf und drang mit dem Säbel auf die Frau ein, aber gerade kam noch der Sohn zur rechten Zeit herein und wehrte ab. Der Offizier sann auf Rache. Als die Soldateska das Dorf verließ, schoß der Herr auf dem Weg seinen Diener nieder. Als man am nächsten Tag den Leichnam fand, setzte man an der Mordstelle einen Gedenkstein, die Rote Marter geheißen, weil die Erde blutgetränkt war. Ein Bauer soll dort um die Jahrhundertwende beim Pflügen menschliche Knochen gefunden haben.

3. Ein Bischof besuchte in Begleitung seines Dieners seine alte Mutter in Waischenfeld. Das einfache Weiblein hatte eine große Freude über den hohen Besuch. Schnell wollte es einen Imbiß bereiten, wischte das langstielige Eierpfännlein mit der Schürze aus, schlug einige Eier ins Pfännchen, hielt einen langen Schleißenspan darunter und briet dies armselige Ehrengericht. Darüber rümpfte der Diener die Nase. Nach kurzer Zeit gingen Herr und Diener wieder heimwärts. Auf dem Wege erklärte letzterer: "Herr, Ihr müßt Euch einen andern Diener suchen, nie mehr esse ich aus solchem Pfännlein Eier, noch heute hab ich einen Ekel." Der Bischof sagte: "Für mich waren die Eier ein Ehrengericht und eine Engelsspeise".

Nun hatte aber der Bischof viel Geld bei sich, das er zum Bau einer Kirche in der Gegend gesammelt hatte. Der Diener sann auf Geldbesitz und Mord. An einsamer Stelle erschlug er seinen Herrn und begrub ihn. Als die Leute nachgruben, erkannten sie an den Kleidern den Ermordeten. Man brachte ihn in geweihte Erde. An die Mordstelle aber setzte man die "Rote Marter". Nach langer Zeit stand einem Bauern der Marterstein beim Ackern im Weg. Als er ihn wegräumen wollte, bekam er Blasen an den Händen. Einmal holte ein Büttner dort in der Nähe Faßreifen (aus Fichtenästen gedreht), da sah er plötzlich einen Mann ohne Kopf vor sich stehen. Niemand ging gern allein an dem Marterl vorbei, 21).

21) In den drei Sagen zur Roten Marter« fällt auf, daß jedesmal ein Diener, der seinen Herrn ermordet, im Mittelpunkt steht. Der Herr ist in zwei Fassungen ein Offizier, in der dritten ein aus Waischenfeld stammender Bischof, den es übrigens tatsächlich im 16. Jahrhundert gab, nämlich den Bischof Friedrich Nausea von Wien (ca. 1480-1552), vgl. H o f m a n n, M.: Fränk. Blätter, 5, 1953, S. 34. - Eine Rote Marter", von der -außer dem Sandstein-Sockel - ebenfalls so gut wie nichts mehr zu sehen ist, gibt es auch an der Straße Spänfleck- Altenhimmel, in einer Grenzlage, vgl. M ü 11 e r, W.: Der Hummelgau, AO, Bd 36, H. 1, 1952. - Ferner: Rote Marter' im Markwald sw Forchheim, zum Königshof gehörend. - Ebenso stand eine Rote Marter« an der Hochgerichtsgrenze des Bambergischen Oberamts Veldenstein, vgl. S c h w e m m e r, W., in: 92. Ber. Hist. Ver. Bbg., 1952/53, S. 132. - Der Grenzverlauf östlich Löhlitz ist in einer Beschreib. von 1650 bzw. 1727 enthalten, vgl. D i e t r i c h, K. P.: Territoriale Entw., Verfassg. u. Gerichtswesen im Gebiet um Bayreuth bis 1603. Kallmünz 1958, S. 124 f. (Schr. d. Inst. f. fränk. Landesforschg., Hist. R., Bd. 7).

6. Die Spreißelmarter

Wenn man den Schützengraben (Flurgrenze zwischen Nankendorf und Löhlitz) hinaufgeht, zweigen sich zwei Wege ab. Der geradeaus führt zur Aukapelle, der abzweigende zum Dürrnbührlein. An dieser Zweigstelle stand früher die "Spreißelmarter", eine einfache Säule aus Holz mit Inschrift. Eine ungute Stelle soll's sein, weil viel Unglück passierte: Ein Bauer soll hier in seine Sense gefallen sein und sich verblutet haben. Ein anderer kam unter seinen Holzwagen und wurde zu Tode geschleift. Ein Bierknecht, dessen Pferde scheuten, wurde von den Roßhufen tödlich verletzt. In dunklen Nächten sitzt zur Allerseelenzeit dort ein schwarzes Männlein, das die Leute irreführt oder auch zu anderen Wegen zwingt. Manchmal leuchtet dort ein Licht in nachtblauer Flamme. Dort müsse also ein Schatz verborgen sein, der von unsichtbaren Mächten gehütet wird. Der Finder muß ein Sonntagskind sein, während der Mettenwandlung geboren sein und in einer eichenen Wiege aufgezogen werden, 22).

22) Die Hegreis- Felder trennten durch einen Feldweg die Nankendorfer von der Löhlitzer Flur. Beim Hegreis und Schützengraben stand einst die Spreißelmarter, vgl. R a t t l e r, P.: Die Flurnamen von Waischenfeld. Diss. Erlangen 1953, S. 52.

7. Die Dreifaltigkeitsmarter

Nicht weit von der Spreißelmarter, aber oben auf der Höhe am Auweg, steht heute noch die Dreifaltigkeitsmarter. Man erzählt: Hier war früher die Kehre (Wende) des "Wütenkehrs" = wütenden Heeres. Gerade an dieser Stelle trieben es die unholden Reiter am fürchterlichsten bei ihren Ritten über die Fluren. Schnell mußte man sich platt mit dem Körper auf die Erde legen, wenn man von dem Heer überrascht wurde. Einer Frau, die sich rasch mit dem Gesicht auf die Erde warf, wurde ihr grünes Wettertuch in tausend kleine Fetzen zerschlitzt. Ließ ein Bauer dort über Nacht Pflug oder Handwerkszeug liegen, dann war das nach einer "Wütendkehr-Nacht" total vernichtet oder die Pflüge hingen auf hohen Bäumen, daß sie niemand herunterholen konnte. Schafe, die sich von der heimkehrenden Herde verliefen und während der Nacht dort ruhten, wurden lebendig zerrissen. Am nächsten Tag fand man die Fleischfetzen über 'die ganze Flur verstreut. Einmal brach an der Stelle einem spät heimfahrenden Bauern am vollbeladenen Erntewagen das Rad. Als er am nächsten Morgen den dort stehengelassenen Erntewagen reparieren und holen wollte, war vom Wagen nichts mehr vorhanden als das Obergestell, die drei Räder hingen auf Bäumen, die Garben waren aufgerissen und wüst lag das Getreide verstreut. Da tat der Bauer einen Schwur: "Euch werd' ich euer gottloses Handwerk noch vertreiben!" Aus den Lüften kam ein brüllendes Gelächter. Sofort bestellte der Mann eine Marter zu Ehren der Heiligen Dreifaltigkeit und ließ sie an der Stelle aufstellen. Seit der Zeit ist Ruhe und das Wütende Heer mußte sich eine andere Wendestelle suchen. Bei dieser Marter soll auch die Raststelle der heimkehrenden Wallfahrer gewesen sein, die von Volsbach, Kirchahorn und Oberailsfeld ihren Kirchzehnt nach Nankendorf bringen mußten, 23).

23) Wo das Wütende Heer« auftritt, ist fast immer eine Altstraße und eine Grenze zu vermuten. Da in der vorliegenden Sage das Wütende Heer sich eine andere Wendestelle" suchen mußte, weil der Bauer eine Marter hatte setzen lassen, und weil diese Dreifaltigkeitsmarter zugleich die Raststelle der Wallfahrer aus mehreren Orten war, die den Kirchenzehnt zur Mutterkirche Nankendorf (St. Martin) trugen, dürfte noch ein sagenhaft verbrämter Grenzstreit hinzukommen. - Vgl. 0 h l e n s c h l a g e r , F.: Sage und Forschung. Mchn. 1885, S. s. 8

8. Das Kreuz bei Löhlitz

Am Wiesenweg von Löhlitz nach Wohnsgehaig steht ein Holzkreuz. Das jetzige ist noch nicht alt und wurde von einem Löhlitzer als Danksagung angebracht. Doch das alte frühere Kreuz hatte seine Bedeutung. Ein von Wohnsgehaig heimkehrender Bauer muß eine ungute Nacht erwischt haben, denn unter ihm "morte" der Boden, alles schien ihm verkehrt zu stehen, und so ging er auch verkehrt, so daß er plötzlich wieder am Dorfeingang von Wohnsgehaig stand. Leute zu holen, schämte er sich, und so machte er sich abermals auf den Weg. Doch der Spuk begann von neuem. Da gelobte der Mann einen hölzernen Kruzifixus, wenn er endlich auf den rechten Weg käme. Und das Versprechen half. An der schlimmen Stelle ließ er ein großes Holzkreuz errichten. Viele Jahrzehnte später stand das im Stock schon vermorschte Kreuz einem Jungbauern beim Pflügen im Wege, denn man hatte neues Ackerland gewonnen. Mit fester Hand zog der junge das alte verwunschene Kreuz aus der Erde und fuhr es in seine Scheune. Doch am nächsten Morgen war der Bauer blind. Kein Arzt konnte ihm helfen, man fand keine Erblindungsursache. Nun ließ sich der Bauer nach Gößweinstein zu einem Pater führen, der ob seiner Wunderhilfe bekannt war. Noch bevor der junge sein Unglück erzählen konnte, sagte der alte Pater: "Du bist blind wegen einer Missetat. Deine Hände haben ein geweihtes Ding vom geweihten Ort genommen. Mit diesen Händen bist du über dein verschwitztes Gesicht gefahren und davon blind geworden. Mach's wieder gut!" Gleich am nächsten Tag bestellte der Bauer einen Zimmermann, der dem Christuskörper ein neues Kreuz machen mußte. Das sehr verschönerte Kreuz wurde zum alten Standort gebracht, der blinde Bauer trug es selbst auf seiner Schulter dorthin. Als er sich die schweißtriefende Stirn abwischte, konnte er wieder sehen.

9. Sagen vom Schafhof

Auf dem Weg von Nankendorf nach Löhlitz passiert man fünf Minuten vor der Ortschaft die Schäferei, 24). Das ist ein Weiler mit zwei Anwesen- das größere gehört dem Schäfersbauern, das kleinere dem Burcher = Burger = Burgherr. Der jenseits liegende Flurteil heißt Börch = Burg. Diese Namen lassen auf Gutsteile des einstigen Schloßherrn von Löhlitz schließen. Der letzte war Hans von Egloffstein, der "die Zeit hält und die Leute verführt". Dessen Hauptbesitz an Grundstücken waren Hutleiten ringsum und Wiesen, die am rentabelsten durch Schafzucht ausgenützt wurden. In der Schäferei waren die Schafställe mit den Schäferwohnungen und den winterlichen Futterlagern. Von hier aus war auch der beste Schafaustrieb nach allen Seiten, ohne durch das Dorf zu müssen. Auf dem zweiten Hof hatte der Gutsverwalter des Egloffsteiners seinen Sitz. Um die Schäferei, namentlich den Schafhof, kreisen manche Sagen. Besonders hatte der Pöpl hier sein altes Hausrecht.

Der Pöpl, ein Freund der Tiere, namentlich der geduldigsten Kreatur, des Schafes, hielt sich lieber in den Ställen und Scheunen als in Häusern auf. Hier ließ er sich nur vernehmen, wenn eine Gefahr drohte, wenn der Tod nahe war oder auch bloß, um die Leute zu tratzen (= "foppen"). Die Schäfersleute fürchteten ihren Hausgeist nicht, wohl aber alle neueintretenden Dienstboten, die sich nicht so leicht an die sonderbaren Funktionen des Pöpls gewöhnen konnten. Der stellte nämlich alle Neuen auf die Probe zugunsten seines Herrn. Kein Knecht konnte einen Malter Gerste für eigene Zwecke beiseite bringen. Der Pöpl schlitzte bestimmt heimlich den Sack auf und das Körnergeriesel weckte den Bauern oder verriet den Dieb am nächsten Morgen. Den Mägden war es unmöglich, einen Butzen Wolle von der Schur heimlich im Strohsack zu verstecken, denn der Pöpl zerrte ihn vor den Augen der Frau heraus. Eine Magd stahl immer etwas Butter beim Ausrühren, wenn sie den "Butterstempfel" abputzte. Diese Butter nahm sie mit aufs Feld, legte sie auf ein Rübenblatt, worunter sie ein Töpfchen stellte; so schmolz in der Sonne die Butter. Das konnte nur der Fall sein, wenn diese diebische Magd allein auf dem Feld blätterte. So bekam sie langsam ein Töpfchen Schmalz. Doch was tat der infame Pöpl? Als der Topf voll war, stellte er diesen der Kuh unter die Schwanztrüpf (-"traufe"). Das sah der Bauer. Der wußte gleich, woran er war; er mußte fürchterlich lachen und aus der Stallecke schäkerte des Pöpls Echo. Die Magd saß beim Melken und schaute neugierig nach der Ursache. Wie sie sich da schämte und den Bauern bat, doch der Frau nichts zu sagen, sie wolle ab jetzt so etwas nicht mehr machen.
Eine andere Magd tat sich beim Gänserupfen immer einige Hämpfl (= "Handvoll") Flaumfedern weg, denn das Mädchen war arm und mußte sich sein Brautbett selber schafferL Da hörte sie nachts von ihrem Kelter (= "Schrank") eine Stimme: Jede Feder eine Sünd, jede Feder eine Sünd."

24) Die Schafhof-Sagen handeln fast durchwegs vom "Pöpl", einem Haus- und Poltergeist, einem Wilden Männlein, Kobold, Rätsl oder Wichtel, wie sie in fast allen europäischen Sagenkreisen meist als gute Geister, die freilich manchen Schabernack treiben, vorkommen. Meist sind sie aber freundliche Gehilfen des Menschen und tun Gutes, vor allem den in Not geratenen Armen, wie z. B. der Magd auf dem Schafhof, die Federn für ihre Brautbetten sammelt. Hauskobold- und Wichtelgeschichten sind in allen Sagensammlungen (z. B. Grimm, Panzer, Schöppner, Sepp, Zingerle) zu finden. Es fällt auf, daß sie in den meisten Fällen auf gleiche Art gekleidet sind, besonders tragen sie fast überall rote Spitzmützen (wie unser heutiger vielberufener Gartenzwerg). In Tirol ist ihre Hauptheimat das Passeier Tal. Auch dort haben sie einen roten Spitzhut, weißes Goller, rote Weste, schwarzes Wams und Pluderhosen, manchmal rote Jankerl, rote Höschen und grüne Strümpfe (vgl. H e n n e - A m R h y n, 0.: Die deutsche Volkssage. 2. Aufl. Leipzig 1879, S. 313). Von den Rätsin in Peiting/Opf. heißt es (P a n z e r, 1, 130): Sie waren keine Leute. Auch sie trugen rotes Gewand.
 

Erschrocken setzte sich die Magd auf und flehte den Pöpl weinend an: "Ach guter Pöpl, du weißt doch, wie geizig meine Bäuerin ist, nie bringe ich mein Hochzeitsbett zusammen. Hilf mir halt und verrat mich nicht!" Der Pöpl räusperte sich und schwieg. Nun hörte man in der nächsten Nacht im Gänsestall ein tolles Geschrei und Geschnatter. Die Bäuerin rannte in den Stall, und da sah sie eine schwarze Hand, die jeder Gans einige Büschel Federn ausriß und in einen Sack steckte. Voll Zorn beschimpfte die Frau den Pöpl, aber der ließ sich nicht irre machen, denn es war ein hübscher Haufen Gänse. In ihrer Wut riß die Bäuerin den Federnsack an sich, aber da bannte sie der Pöpl an Ort und Stelle und drohte, sie so lange gebannt zu lassenn, bis sie verspräche, der Kundl ein Aussteuerbett zu schenken. "Hast ja den ganzen Oberboden voll Federnsäcke, in denen die Milben hausen." Nach langem Zetern versprach's die Bäuerin und sie mußte sich unbedingt dem Pöplgesetz fügen, wenn sie nichts Schlimmeres erleben wollte. So zog der Pöpl seine Leute.

Eine alte Tante vom Schafhof hatte einen sehr schlimmen Fuß. Als sie nachts vor Schmerzen nicht schlafen konnte, stand sie auf und ging in den Stall und wimmerte laut. Da lachte sie vom Brühschaff her der Pöpl aus. Die Tante weinte noch mehr, denn der Pöplspott tat ihrem Herzen weh. Doch da wurde der Neckgeist still und suchte im Freßbarren der Kühe ein Futterblatt, das er der Tante zuwarf. Als Schafhoftochter verstand sie die stumme Pöplsprache und ging zu Bett, nachdem sie das Blatt auf den entzündeten Fuß gelegt hatte. Am nächsten Morgen war der Fuß geheilt.

Alle Schäfersbauern behandelten ihr Vieh richtig, darum war auch das Stallglück daheim. Nun kam einmal ein neuer Knecht auf den Hof, der als Grobian verschrien war. Doch der Bauer dachte: "Mein Pöpl zieht ihn schon!". Was doch der Viehschinder nicht alles tat! Mit seinen Holzschuhen stieß er Ochs und Pferd an die empfindlichen Fußfesseln, daß die Tiere stampften, mit seinen Grobfingern griff er in die Nasenlöcher der Ochsen und bog ihre Köpfe zurück. Heimtückisch stach er sie mit dem Messer oder er steckte Nadeln in die Schwänze. Als der Schäfersbauer auf diese Schindereien kam, drohte er dem Knecht mit der Kündigung. Damals war doch jeder Dienstbote froh um einen Platz, zumal wenn er bei einem Großbauern war.

Natürlich ärgerte sich der Knecht, deshalb trieb er seine Viehpeinigung auf dein Feld oder beim Holz- und Streufahren weiter. Einmal hatte er's draußen wieder arg gemacht. Als er das Vieh in den Stall brachte, hockte der Pöpl wieder auf seinem Brühschaff, das die Magd eben mit heißern Wasser gefüllt hatte.. Zornig gab der Knecht dem vermeintlich leibhaftigen Pöpl einen Rumpler. Da aber der Pöpl nur ein Schatten war, fiel der Knecht von dem Stoß in die Luft selber "ärschlings" in die heiße Tränkbrühe und verbrannte sich den Hintern schwer. Wie da der Pöpl kicherte und dem Knecht erst recht der Zorn schwoll. Aus Wut stieß er nach dem Maul des Leitochsen, doch da regnete es Ohrfeigen rechts und links. Heulend und schimpfend rannte der Knecht in die Stube zum Bauern und wetterte auf den "Saupöpl". Der Herr ging in den Stall, da saß der Pöpl auf dem Rücken des drangsalierten Ochsen. Der Bauer sah die arge Verletzung des Tieres, nickte dem Pöpl dankbar zu und sprach zum Knecht: "Nimm dich vor dem in acht, dem ist keiner gewachsen." Von jetzt ab wurde der Knecht freundlicher zu seinen Tieren, denn er fürchtete die Rache des Pöpls.

Zum Ernten und Dreschen brauchte der Schäfersbauer immer Taglöhner, denn es wurde alles mit der Sichel geschnitten und mit dem Dreschflegel gedroschen. Beim Dreschen schlug der Pöpl mit einem Stock den Takt dazu. Wer aus der Taktreihe kam, bekam vom Pöpl einen Hieb aufs Hinterteil, daß der Taktlose immer einen Hupfer machte, worüber es viel zu lachen gab. In keiner Scheune gings beim Dreschen so lustig zu wie beim Schäfersbauern. Namentlich ein Taglöhner hatte vom Pöpl öfters ein Taktstreichlein bekommen. Das war natürlich ärgerlich ob des Spottes. Diesen buchte der Verlachte als ein Guthaben beim Bauern. In einer Sturmnacht nun ging der Mann in den Wald des Schäfersbauern und hackte sich einige Bäume ab, die er nach und nach zum Waldrand schleppte. Plötzlich stand ein schwarzer Mann vor dem Dieb und bannte ihn. Der Mann bat und bat, doch der Schatten sagte: "Wenn du die Bäume in den Schäfershof trägst, sollst du los sein." Und so mußte es geschehen. Einer der alten Schäfersbauern war des Pöpls, aber auch seines alten Hauses, überdrüssig. Im Frühjahr sollte es abgerissen werden. Da schlug in einer Gewitternacht der Blitz ein. Das alte Gebälk brannte wie Zunder. Notdürftig gewandet schleppte man rasch das Kostbarste und Notwendigste aus dem Haus. Machtlos mußte man dann dem Flammenwüten zuschauen. Da kam dem Bauern plötzlich der Gedanke: Hoffentlich ist der Pöpl mit verbrannt! Da klopfte dem Schadenleider jemand von hinten auf die Schulter und sagte: "Bauer, sind wir nur froh, daß uns das Feuer nicht erwischt hat!" Und wer war's? - der Pöpl!

10. Andere Löhlitzer Pöplgeschichten

Mehr Löhlitzer Häuser sollen den Hausgeist Pöpl gehabt haben, so der Wirt, der Stoffel, der Langersbauer, heute Düngfelder. Nach seinen Wohnstätten hatte der Pöpl auch seinen Namen, wie der "Wirtspöpl" usw. Die Erzählungen über das Tun des Pöpls sind fast alle gleich. Er begleitete die Leute abends zum Futterschneiden in die Scheune, hielt auch mal das Schwungrad an, aber wehe, wenn einer schimpfte. Im Stall schaute er zu, ob das Vieh sein Recht bekam. Lag ein Toter im Haus und es getraute sich abends niemand bei Dunkelheit einen Brotlaib oben aus der Brotkammer zu holen, schon rollte der Pöpl den Laib die Stiege herab und zur Tür hinein. Legte sich nachts nach getaner Arbeit ein Knecht auf den Schindelofen, so trieb der Pöpl den Faulen herab zum Schleißenmachen oder Besenbinden, denn war der Knecht einmal eingeschlafen, so war's aus mit der Arbeit. Zum Antrieb hatte der Pöpl ein Haselrütchen. Da brauchte der Bauer keine Mahnung, das besorgte sein Freund Pöpl. Der geplagten Bäuerin machte er oft die Betten, der Witwe schnitt er nachts das Futter für den Morgen. Oft freute ihn das Schabernackmachen. Da verschleppte er dem Bauern die Schnitzbank in die obere Stube mit den guten Betten, oder er stopfte in den Schlot von oben ein Büschel Heu, daß morgens kein Feuer brannte. Einmal aber tat er was ganz Tolles. Stand da am Morgen das bewußte kleine Hofhäuschen mitten auf dem Weg. Und das schönste war, daß dann niemand der Eigentümer war!
Manchmal begleitete er die Holzmacher in den Wald. Doch man wußte dann, daß man aufpassen mußte, damit beim Baumfall kein Unglück geschehe. Ein alter Löhlitzer Förster, der sehr gerecht und christlich war, harte Macht über den Pöpl, so daß der sein guter Schutzgeist war.

11. Am Kieberloch und Langeracker

Zur Nachtzeit ist‘s beim Kieberloch nicht geheuer. Dieser Ort regt am Weg von Nankendorf nach Löhlitz. Einer Löhlitzer Frau stellte sich hier einmal ein riesiger schwarzer Hund in den Weg und bleckte die Zähne. Die Frau wußte, daß man solche Erscheinungen weder anreden noch ihnen aus dem Weg gehen durfte. Die Frau blieb stehen und schaute dem Untier in die Augen, da verschwand's. Beim Langeracker hüpfen nachts feurige Männlein herum, oft auch schwarze Schafe mit viel Geblöke. Begegnet man aber nachts einem Pferd ohne Kopf dort, so könne man weissagen, wem ein Unglück bevorstünde, 25).

12. Verhextes Vieh im Schafhof

Und noch etwas vom Schäfersbauern, erzählt von einer Haustochter, die heute über 100 Jahre alt wäre und schon 1928 gestorben ist, 26).
"ich war noch ein Kind, so um acht Jahre herum. Mein Vater wollte am nächsten Tag einen Ochsen zum Verkauf nach Bayreuth treiben, denn damals gab's noch keine Bahn. Als er früh in den Stall kam, war der Prachtochse schwer krank; er "keichte" und der Vater mußte schnell den Metzger holen zur Notschlachtung. Aber man fand inwendig beim Ausnehmen keinen Fehler. Einige Zeit später wollte der Vater den andern Ochsen zum Markt bringen und sich ein Paar neue junge Ochsen kaufen. Und wieder lag am Morgen der Verkaufs-

25) Diese Sage enthält, sowohl für das Kieberloch wie für den Langeracker, wiederum Motive der Grenze. Der riesige schwarze Hund kommt in zahllosen Sagen und in vielerlei Weise vor. Hier in unserer Sage bleibt er auf dem Weg stehn und fletscht die Zähne. An dieser Stelle lief sicherlich die Gemarkungsgrenze durch. In der Sage 1 von den zwei Schlössern in Löhlitz stand um Mitternacht oft ein schwarzer Hund auf dem Schloßberg und zeigte eine feurige Zunge. Er bewachte dort einen Goldschatz, so wie er häufig in den sog. Schatzsagen anzutreffen ist. Aber auch die Drei Fräulein begleitet er häufig und ist in manchen Fällen sogar eines ihrer Attribute. Da die Drei Fräulein meist in einem Schloß (Turmhügel) wohnen, sitzt in jenen Sagen, in denen das Schloß versinkt, noch der schwarze Hund auf der betreffenden Stelle, so z. B. auf dem Martinsberg bei Herrieden in Mfr. (vgl. Bamberger Blätter, Jg. 12, 1935, S. 28). Auch als Gespenst eines Grenzverletzers oder Markstein-Versetzers geht oft der schwarze Hund an der gefälschten Grenze auf und ab. - Ein weiteres Grenzmotiv steckt in der schwarzen Farbe, so wie überhaupt die Farbgegensätze Schwarz und Weiß - in unzähligen Orts-, Flur- und Gewässernamen z. B. als Schwarzach, Weißenbach, Schwarzhausen, Weißendorf etc. vorkommend in vielen Fällen die Grenze anzeigen (ebenso natürlich Rot als Farbe des Gerichts). In der Sage vom Langeracker sind es vor allem die schwarzen Schafe, die dort herumlaufen, aber auch das Pferd ohne Kopf, die beide ein Grenzmotiv (auch Altstraße!) darstellen können.
26) Der Hexenglaube vom Schafhof soll als Beispiel für den noch heute weit verbreiteten Aberglauben hier stehen. Man kann daran ersehen, wie tatsächliche Vorgänge, gleichsam vor unseren Augen, zu Sagen werden!

-ochse so krank im Stall, daß er gleich draufging und wir den Schinder bestellen mußten zum Abholen. Das Spottgeld dafür reichte natürlich zu keinem Paar junger Stiere. Eines Tages sagte der Vater zur Mutter: jetzt müssen wir halt ein Paar Kühe verkaufen, denn ohne Ochsen geht's mit der Feldarbeit nicht und die Gäule brauchen wir zum Holzfahren. Wie der Vater früh mit dein Knecht zum Füttern ging, beizeiten, denn um 9 Uhr mußte man in Bayreuth sein, lagen diese Verkaufstiere wieder mit rollenden Augen und nahmen kein Futter. Auch die mußte der Waischenfelder Schinder holen.

Meine Leut aber wußten jetzt, daß sie einen Feind hatten, der ihnen das antat. Die Mutter weinte, wir Kinder auch, denn gerade die Schäck war meine liebste Kuh, weil sie so fromm war. Nun war 'in Rabeneck ein frommer Bauer, der Gewalt über das Antun' hatte und auch diese Widersacher erkennen konnte. (Die Frau nannte sogar den Namen des Mannes, dessen Geschlecht noch lebt.) Nicht jedem half der Mann, sondern nur rechtschaffenen Leuten, wenn sie zu sehr gepeinigt wurden. Der Bauer kam und ging sofort in den Stall, mit dem Rosenkranz um den Fingern, einem Fläschchen Weihwasser in der Hand. Ich seh das heute noch, denn wir Kinder hielten den Mann für einen Wundermann. Lange blieb er im Stall. Als er herauskam, schwitzte er und sagte: D i e hat mir zu schaffen gemacht, aber jetzt hast du Ruhe von i h r. Mein Vater fragte, ob er s i e erkannt habe. Da nickte der Mann mit dem Kopf, aber den Namen verriet er nicht, denn ich bin kein Feindschaftsstifter und kein Leutausmacher. Und durchs Verraten verliere ich meine Kraft über solche.

Mein Vater fragte, ob er s i e erkannt habe. Da nickte der Mann mit dem Kopf und sagte unwirsch: "Laß mir meine Ruhe". Als ihm mein Vater eine Belohnung geben wollte, nahm er nichts an, denn für des Herrgottshelfen darf man sich nicht lohnen lassen, das wäre Sakrileg. Und auch eine angenommene Belohnung nimmt die Gewalt über Antuer'.
Von dem Tag an war Ruhe im Stall. Der Mann sagte, daß der Vater noch um sein ganzes Vieh gekommen wäre, nach dem Großvieh wären die Schweine bis zur letzten Henne drangekommen, denn die (Hexe) ist ganz dem Teufel verschrieben und eine ganz kalte. Meine Eltern hatten keine Ahnung, wer ihnen so arg feind war, aber etwas bemerkten sie! Eine frühere Magd von ihnen betrat das Haus nimmer, aber das sollte kein Verdacht sein."

13. Wie der Schäfersbauer zum Lindig kam

Der 92jährige Kaspersherrla erzählte:
Bei uns war im Winter die Dorfstube, da kamen immer so sechs bis acht Männer zum Karten und Plaudern so zwei- bis dreimal die Woche. Und von denen weiß ich, daß der Schäfersbauer das große Gemeindehutrecht hatte von alters her. Überall waren ja noch Huten rings um Löhlitz. Das tat gut, bis allmählich die Leute die wenig nutzbaren Huten urbar machten und ansäten. Doch der Schäfersbauer brauchte nichts darnach zu fragen, das Hutrecht war altes Recht und verbrieft noch obendrein. Er hat weiter gehütet, eben dann auch in die bebauten Acker der Kleefelder. Manche gingen zum Advokaten, aber das Recht konnte niemand anrühren. Als aber die Sache immer weitere Kreise zog, mußte Hilfe geschaffen werden. Der "Burchermaster" berief eine Bürgerversammlung, zu der jeder kommen mußte und durfte, der ein gemeindliches Bürgerrecht und Besitz hatte. Nach langen Beratungen kam man Überein, dem Schäfersbauer das große Gemeindeeigentum "Lindig" zu geben, wenn er auf sein Hutrecht verzichten wolle. Außerdem darf der Schäfersbauer nur noch durch die "kleine Gasse" mit den Schafen zu seinen eigenen Huten treiben. Diese Gasse erhielt darauf den Namen "Lorbergasse", den sie noch heute trägt (von dem Schafmist). Das Lindig darf weder zerteilt, zerrissen noch verkauft werden, die "Beschließing" muß heut noch in der Gemeinde liegen. Leider ist das nicht mehr der Fall, 27)

14. Oberndorfsagen

Östlich von Löhlitz ist der Flurteil "Oberndorf". Es ist ein bergansteigender Wiesenhang am Schmierbachufer. Wald umrauscht zieht sich die Leite auf die Neubürg zu. Gegenüber liegen Staats- und Stiftungswald mit der Holomannskirche. Weltvergessen träumt der Wiesengrund im Sommer zur Mittagszeit, unirdisch schön. Rehe treten aus den Wäldern, um am Bächlein zu trinken. Ein Iltis schaukelt pfauchend auf dem Geäst und ein Büschel junge Fuchswelpen, richtig vollgewamste Wollknäuel, kugelt einem um die Füße, im Spiel mit etwas Fleischigem, frei jeglicher Achtsamkeit. Eichhörnchen keckern und rasseln baumauf, baumab. Schmetterlinge schaukeln in Wolken durch die sirrende Mittagshitze. Ein betäubender Duft von Sommerkräutern füllt den Grund: Arnika und Wildrhymian, Lavendel und Minze mengen sich mit dem Harzgeruch des Waldes. Kein Wunder, daß das Volk fabulierte! ... Woher der Name Obemdorf?, 28)

27) Ähnliche Bewandtnis hat es auch mit der Geschichte "Wie der Schäfersbauer zum Lindig kam". Kein Zweifel kann bestehen, daß sich der Bauer vom Schafhof auf tradiertes Recht - ob es nun verbrieft war oder nicht - berufen konnte. Man denkt dabei sogleich wieder an die alte Jorestis« oder Landsgemeinde", an der in alter Zeit sicher auch der Schafhof seinen Anteil haben mochte. Offenbar handelt es sich bei der Beschließing« um den unter Nr. 460 (R) in der Plansammlung des Staatsarchivs Bamberg vorhandenen Grundriß über die Privat- und Koppelhut der Gemeinde Löhlitz auf der Landsgemeinde, nach Protokoll von 1612 etc., angelegt 1718.
28) Sicher ist der Flurname mit "Ober dem Dorf gelegen" zu erklären. Schriftliche Nachweise für eine Wüstung scheinen nicht vorzuliegen. Die Flurlage ist nicht weit von der Landkreisgrenze und damit von der Dreiland-Kreis-Ecke an der Neubürg entfernt, die, wie erwähnt, die alte Grenze zwischen dem Hochstift Bamberg und der Markgrafschaft Bayreuth darstellt. Die Grenzlage kann die Ursache sein, daß vorzeiten einmal fremdes Kriegsvolk dort lagerte, auf bambergischem Boden, weil der Bischof weiter entfernt war als etwa der Markgraf. Wenn ein solches Lager in kriegerischer Zeit mehrere Wochen andauerte, ist es durchaus denkbar, daß sich im Gedächtnis der Leute die Vorstellung einer dörflichen Siedlung festsetzte, bzw. von einer Handvoll Hütten«, wie es in der Sage Nr. 1 heißt. Das fremdländisch anmutende Kriegsvolk muß feindlichen Sinnes gewesen sein, denn es nahm keine nachbarschaftlichen Beziehungen auf. Die zeitliche Einordnung ist schwer. Natürlich können es keine Hunnen aus den Ungarn-Einfällen nach 900 bis 955 n. Chr. (Schlacht auf dem Lechfeld) gewesen sein. Eher noch könnte man sich eine versprengte Truppe Fremdvolk aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges oder der Erbfolgekriege (spanischer 1704-14; bayerischer 1778/79; eventuell kommt wegen der Nähe Böhmens auch der österreichische 1741/48 in Betracht) vorstellen.

1. Zwischen Löhlitz und Wohnsgehaig soll vor undenklich langer Zeit ein Dorf oder nur eine Handvoll Hütten gewesen sein. Die Bewohner hielten sich völlig abseits von den Nachbardörflern. Tolle Leute waren's, ein eigener frernder Menschenschlag, schwarzsträhnig das Haar, ungekämmt und ungeschriiiten hing es wirr vom Kopf. Kastanienbraun die Haut, flinke, schiefgeschlitzte Augen wie bei einer Katz. Klein von Statur waren Mann und Frau. "Wir haben uns immer Zigeuner vorgestellt", meinte der 90jährige Erzähler, "aber unser Herrla (Großvater) sagte, daß die Zigeuner nicht so braun und klein wären und daß sie auch mit den Menschen Freundschaft halten." Sollten da im Dunkel etwa Hunnenerinnerungen schlummern? Unter sich haben die Oberndörfler fremd gewelscht. Nächtens stahlen sie in den Dörfern, sogar die Geiß aus dem Stall, und gegen die Hunde haben sie was angefangen, weil diese nie bellten und sogar mit eingekniffenern Schwanz in die Hütten krochen. Gearbeitet haben sie ganz wenig, nur das notwendigste Bruttra (Brotgetreide) gebaut. Die Jagd und das Fallenstellen haben sie verstanden. Mit den spitzigen Zähnen haben sie das Fleisch meist roh gegessen. Mit der Gesellschaft hat sich niemand eingelassen. Die Leut sind lieber auf Umwegen zum nächsten Dorf als durch diese Niederlassung.
Eine alte Frau sagte: "Spitzbum und Gecha (Jäger) worns', Spötter und Lästerer und glaabt (geglaubt) harns' nix. Die sän in ka Käing (Kirche) ganga und ham den Geistlinga hamli Prügel nochgworfn. Mei Fraala (Großmutter) hot gsogt, daß amoi zugoa an Pfarra derschlong hettn. Ba da Holemannskäing hamsn eigscharrt. Seit der Zeit begegrit ma ehramol zu Mitternocht an Geistling, der sein Seng ner geng drei Himmelsgengd git und mitn Bucki gengs Oberndorf schtieht (steht)".

2. Einmal ging ich mit einer alten Frau durch die Oberndorfwiesen. Ich fragte nach diesem und jenem. Da erklärte die Alte: "Hier müssen wir aber noch etwas schneller gehen, denn grad da unter uns liegen Mensch und Vieh, Haus, und Acker begraben. Da würde man die Toten berufen' und laut darf man auch nicht reden, wenn man von ihnen erzählt." Diese Heimlichkeit nahm mich gefangen. Zu dem Alten hörte ich noch allerlei Neues dazu. Die fremde "Rass" wäre vom Wohnsgehaiger Hügel zugewandert, sie hätte ihren Kriegstroß verloren (damit meinte man wahrscheinlich die Gesamtheit des Reitervolkes). Auf kleinen Gäulen sind sie geritten, blank und sattellas und die Gäule liefen "barfatz" (barfuß), ohne Eisen. Mitten durch die Felder und Wälder und Wiesen sind sie gebrescht und haben sich vor niemand gefürchtet. Gewehr haben sie keines gehabt, sondern "Pfitscherpfeile" (Pfeil und Bogen).

Nach meinem Befragen, wie das Dorf verschwunden sei, ob durch Bergrutsch oder Verfall oder Aussterben, wurde das alte Frauchen fast zornig. "Wos glams denn, Herrgottsstrof wor's, an hellichtn Doch hot er an Bärich (Berg) über sie gworfn. Die ham doch dorn (droben) dea Holomannskäing die Leut überfallen und sind mit ihr Gäul nei's Kapella grittn. Do hat däa Kapazina (Kapuziner, man hatte für einen Mönch keine andere Bezeichnung) an Fluch üba des Sakralich (Sakrileg) tan. Auf amoi is gech (jäh) a Gwidda kumma und die Pfingstgwidda senn allweil arich (arg). Die Blitz hanis' blend, Mensch und Gäul, ausgrissn senns', wals' gescheut ham; die Gäul senn auf die Aasch 'n Bärich nogrutscht. Auf amoi ham a die Barn as Rutschn angfangt und der Aadbudn (Erdboden). A Lärm war's, die Gäul ham gschriea und die Leut bügt (gebrüllt). Noch wor's auf amol tutnstill. Und wie's hell worn ist, woa nex mea za säing und za hörn und üms Kapella woa ka Schtreinodl (Tannennadel, Streunadel) noß." Kein Schriftsteller hätte das Geschehnis dramatischer schildem können. Und dabei alles im Flüsterton, mit Angst in den Zügen, und die welken magern Hände griffen mit gespreizten Fingern zum Himmel und der Kopf nickte bestätigend.

3. Der alte Kaschpersherrla erzählte es wieder etwas anders: "Scho die klan Kinna senn grittn und mit die Kreizattan (Kreuzottern) hams' gschpielt. Wenns' die Kinna opackt ham, senns' (die Ottern) ganz steif worn, wie'n Moses sei Schtäckn (Stock) vor dem König Pharao worn is. Die Hund ham die Schwänz einzung, wenns näa an Owandofa gsäing (gesehen) ham oder scho vo weitn gwiddat. Ka Maal (Mädchen) bot sich alla (allein) in die Beem traut, do is imma a ganze Herd mitrananna nein Wold ganga. Amol is a Maal nochn Umschlong (Heuwenden) auf däa Wiesn eingschlofn. Do muß sie a Owandorfa behext ham, denn wies' aufgwacht is, woa iha su toll üms Gmüt und su schlecht. Nu ja und wie die Zeit üm woa, hots a kuhlschwarzhorrats Bübl kriecht mitran brauna Gsicht und Zänla hot's a scho ghat, su klana schpitzia Dinga. Die Leut hom schlächt vom Maal denkt und ham gsogt, sie hätt sie gern mit su an Schwoarzn eiglen (eingelassen). Des arm Ding hot sich die Ang halb blind grinna und noch drei Goa (Jahren) is an däa Auszehring gstorm. übernacht owa wor's Bübl verschwundn. Und grod des söll den Pfarra daschlong hom."
Weiter wurde erzählt, daß das Oberndorf nicht Pfingsten, sondern während der Mette untergegangen sei. Während der Christfeler hätten die wilden Männer bei der Wandlung den Pfarrer und Altar mit Schneeballen beworfen. Da habe der Priester die Hostie nochmals hochgehoben und sofort sei ein Höllenlärm angegangen, als ob das "Teufelsheer" selber losgelassen wäre. Und dem sei eine plötzliche Totenstille gefolgt. Am Christmorgen sei kein Rauch mehr von den Hütten aufgestiegen. Hundebellen und das gewohnte Geschrei waren verstummt. Wie Allerseelen war's. Als man dann heimlich von allen Seiten der Höhen das Dorf umspähte, war's verschwunden, der Schnee war wie ein Totentuch darüber gebreitet.

4. Eine alte Frau von Neusig erzählte vor vielen, vielen Jahren, daß man zu ihrer Jugendzeit sagte, die Oberndorfer seien Jäger und FrevIer gewesen. Man hätte schon gezittert, wenn nur mal einer von der Rasse ins Dorf gekommen wäre. Allweil hat man auf die Füße heimlich geschaut, ob am End' nicht doch des Teufels Bockfuß sich zeige. Aber das wüßte sie (die Erzählerin) genau, daß nach dem Untergang des Dorfes das Wütendkher (wütende Heer) durch die Welt gebraust sei. Das haben die Alten immer erzählt. "Herrgottsstrafe war's", sagte auch sie. Seit der Zeit kann keine Pflugschar mehr über den Grund gehen. Ohne Segen und Gedeihen wäre die Arbeit, darum gibt es nur Wiesen dort. Und wie's noch hölzerne Pflug-Scharen gab, sind diese alle abgebrochen, die den Grund wieder urbar machen sollten. Das Vieh aber hätte die Schwänze gestürzt beim Pflügen, und die Rückenhaare wären hochgestanden und gezittert hätte das Vieh, der Boden aber hat gernort (gemurrt). Die Toten dort unten aber kämen erst wieder als Helfer des Antichrists am Ende der Welt - sie sagte "Antekristus" - und dabei schlug das Weiblein drei Kreuzlein über sich.  

Reinhard

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