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Gunda Rauh:
Der Sagenkreis um Nankendorf

Aus: Der Sagenkreis um Nankendorf. In: Archiv für Geschichte von Oberfranken, Band. 49, 1969 

Inhaltsverzeichnis
1. Zwei Wetten, 2. Hexenunfug, 3. Sage vom Lochberg, 4. Die Männlein und der Nachtwächter, 5. Der Pöpl in der Mühle, 6. Die Grabplatte von der Holomannskirche, 7. Der Pachterspöpl, 8. In der Eiergasse, 9. Vom Zehentstadelberg, 10. Der unheimliche Klopfer, 11. Sage um die Dreifaltigkeitsmarter, 12. Am Säustein, 13. Die Marter in der Au, 14. Wie die Aukapelle entstand, 15. Schatzlachensage, 16. Sage vom Doktorsturz, 17. Kaupersberger Sagen, 18. Wie die drei Kaupersberger Jungbauern ihre Bauplätze fanden, 19. Der Herchertsbaam, 20. Neunerhaidsagen, 21. Hexen am roten Weg, 22. Noch etwas vom Pöpl, 23. Bugsagen, 24. Unkensage vom Bug, 25. Die Sage vom Heiligenholz, 26. Um den Hühnerknock, 27. Am Roten Weg, 28. An der hohlen Linde, 29. Der Feurige, 30. Im Merzengrund, 31. Das Fensterkalb, 32. Der Schafferleitenpöpl, 33. Vom Schmierbach und Hohlen- oder Hexenstein, 34. Vom Unwahrischen, 35. Der Lang-Pfarrer, 36. Vom Pfannenmännlein, 37. Die Grüne Marter, 38. Der letzte Wolf in Schöchleins, 39. Das Kreuzgeld, 40. Allerlei Hexengeflüster aus alter Zeit.  

Einleitung
Mit der Veröffentlichung des "Sagenkreises um Löhlitz" haben wir schon einmal 1963 eine Sagensammlung ähnlicher Art aus der gleichen Landschaft dargeboten, 1). Damals wurde angekündigt, die Publikation des von Frau Oberlehrerin a. D. Gunda Rauh im Lauf ihres langjährigen Wirkens in Nankendorf und Umgebung gesammelten Sagengutes zu gegebener Zeit fortzusetzen. Zu unserm Bedauern mußten sechs Jahre vergehen, ehe wir das gegebene Versprechen einlösen konnten. Wir sind der inzwischen auf den Bamberger Michelsberg verzogenen betagten Sagensammlerin erneut Dank dafür schuldig, daß sie uns selbstlos und vertrauensvoll ihre Handschriften überließ. Aus dem umfangreichen Material haben wir eine Auswahl getroffen und bearbeitet, die vor allem die echten alten Sagen umfaßt, so wie sie die Sammlerin nach den Erzählungen alter Leute in Nankendorf aufzeichnete.

In den bekannten Sagenbüchern aus unserem Gebiet sind die hier aufgezeichneten natürlich nicht enthalten. Das ältere, erstaunlich umfangreiche "Sagenbuch der bayerischen Lande" von A. S c h ö p p n e r, 2) kennt verhältnismäßig viele Fichtelgebirgssagen, aber wenige aus der Frankenalb. Ähnlich steht es mit anderen Sammlungen, wie etwa der nur altbayerischen von Johann N. S e p p, 3) oder der sonst so ergiebigen von Friedrich P a n z e r, 4). Kein Wunder, daß der kenntnisreiche Gößweinsteiner Oberlehrer Karl B r ü c k n e r sich zu einer eigenen Sammlung, 5) entschloß, die zwar wirklich eine richtige Fundgrube für das heimatliche Sagengut darstellt, aber in unserem Nankendorf oder im benachbarten Waischenfeld spielt keine einzige. Die meisten Sagen in den genannten Sammlungen wurden nach "Volksrnund" aufgezeichnet. Im vorigen Jahrhundert ist offenbar kaum ein Sammler in das Wiesenttal gekommen, um die Erzählungen der alten Leute aufzuzeichnen, obwohl man immerhin feststellen muß, daß manche von ihnen - besonders Friedrich Panzer - weit herumgekommen sind.

1) Der Sagenkreis um Löhlitz. Gesammelt von Gunda Rauh, Eingeleitet und bearb. v. Wilhelm M ü l l e r. In: AO, Bd. 43, 1963, S. 119-139.
2) S c h ö p p n e r, A.: Sagenbuch der bayerischen Lande. 3 Bde., München 1852/53.
3) S e p p , Johann Nepomuk: Altbayerischer Sagenschatz. München 1876..
4) P an z er, Friedrich: Beiträge zur deutschen Mythologie. München 1848. (Neuausgabe in 2 Bdn. durch Will-Erich Peuckert unter d. Titel Bayer. Sagen u. Bräuche«. Göttingen 1954/56).
5) B r ü c k n e r, Karl: Am Sagenborn der Fränkischen Schweiz. Sagen, Legenden und Lokalgeschichtliches aus den Jurabergen. Reihe 1. 2. Aufl. u. Neue Folge (in 1 Bd.). Wunsiedel 1929. 145, 283 S.

Die jüngst erschienene Sammlung fränkischer Sagen, die Josef D ü n n i n g e r herausgab, geht andere Wege, 6). Sie enthält nur Sagentexte, die in Chroniken, Erlebnisberichten oder auf Flugblättern etc. einst schriftlich fixiert wurden. Die früheste Aufzeichnung erfolgte 1488, die jüngste 1804. Doch scheint keine einzige Sage aus dem engeren Bereich um Nankendorf-Waischenfeld so früh aufgeschrieben worden zu sein. Die in Nachbarorten spielenden Sagen werden wir, soweit sie in anderen Auswahlbänden, 7) aus dem Sagengut veröffentlicht sind, jeweils an den entsprechenden Stellen, an die sie thematisch gehören, heranziehen. Dabei wollen wir Versuche zur Deutung einiger Sagen unternehmen, vor allem soweit sich historische Zusammenhänge oder sagenhaft verbrämte Realitäten ergeben, wie z. B. Grenzverläufe, Gerichtsstätten, Altstraßen und -wege, Katastrophen in alter Zeit, Kriegsvorgänge, wüst liegende Burgen oder Turmhügel und manchmal auch landschaftliche, ja sogar geologisch bedingte Eigenheiten, die sich der einfache bäuerliche Mensch nur mit sagenhaften Wesen und Vorgängen verbunden oder von solchen verursacht vorstellen konnte, 8).
Auch diesmal ist es in dem festgelegten Rahmen und bei der Konzentration auf Ortssagen nicht möglich, uns eingehender mit der allgemeinen Sagenforschung zu

6) D ü n n i n g e r, Josef (Hrsg.): Fränkische Sagen vom 15. bis zum Ende des 18. jh. Kulmbach 1963 (- Die Plassenburg, Bd. 19). - P e t z o 1 d, Leander (Hrsg.): Vergleichende Sagenforschung. Darmstadt 1969 (= Wege der Forschung, Bd. 152).
7) Wippenbeck, August: Es war einmal. Oberfränkische Sagen u. Geschichten. Coburg 1944. - Raff, Helene: Fränkische Legenden u. Sagen. Altätting 1946. -S i e g h a r d t, August: Im Bannkreis der Wiesent. Kultur-, Geschichts- u. Landschaftsbilder aus der Fränkischen Schweiz. 2 Bde. Nürnherg 1925. - G l e i c h m a n n, Elise: Von Geistern umwittert. Oberfränkischt Volkssagen, gesammelt und nacherzählt. Gesichtet und gedeutet von Peter S c h n e i d e r. Lichtenfels 1927. - R e i c h o l d , Andreas: Nordoberfränkische Sagen. Lichtenfels 1926. - D i c z e 1 , Karl: Oberfränkische Sagen. 3. Aufl. Bayreuth 1962. - Leider erst nach Drucklegung dieser vorliegenden Nankendorfer Sagen-Sammlung kam mir in die Hand: B ü t t n e r , Heinz: Sagen, Legenden und Geschichten aus dem Landkreis Eberrnannstadt u. seinen Randgebieten. Bamberg 1965. Das Buch enthält mehrere der hier gesammelten Sagen, aber meist in anderer Fassung.
8) Vgl. z. B. die Sage von einem unterirdischien See bei H o h e n m i r s b e r g, Kr. Pegnitz. Die Hohenmirsberger Platte ist mit 615 in die zweithöchste Erhebung der gesamten Franken- und Oberpfälzer Alb. Das Dorf Hohenmirsberg hatte bis vor wenigen Jahren, als eine Quellfassung mit Wasserleitung gebaut wurde, in jedem Bauernhof einen fließenden Brunnen. Auch im heißen Sommer floß das Wasser in den Gräben an der abschüssigen Dorfstraße hinab. Gänzlich unerwartet tummelten sich Herden von Gänsen in der wasserreichen Landschaft. Von der unter dem Werkkalk (Malm Beta) anstehenden zwei Meter mächtigen Tonschicht, die das Wasser unterirdisch nicht versickern, sondern in Form von Quellen hervortreten ließ, wußte der Bauer in alter Zeit nichts. Er stellte sich einen sagenhaften See im Erdinnern vor und belebte dieses Bild, ähnlich wie beim Staffelberg am Obermain-Bogen, mit einem riesigen, goldnen Fisch, der - aus Platzmangel -seine Schwanzflosse im Maul halten mußte. Wenn er diese einmal loslasse, würden die Bergwände bersten und alles Land ringsum überfluten. - Dabei ergibt eine überschlägige kleine Rechnung, bei der man eine Fläche von 50 ha und eine durchschnittliche Jahresregenmenge von 63 cm pro qm annimmt, eine Wassermenge von ca. 100 000 cbm jährlich, falls nur 1/3 des Niederschlags im unterirdischen See« festgehalten wird. - Vgl. B r ü c k n c r , K.: Am Sagenborn, Bd. 1, S. 114; S. 75 werden ähnliche Wasserverhältnisse in W o h n s g e h a i g auf der Neubürg geschildert.

...befassen, obwohl es an der Zeit wäre, eine ganze Anzahl bisher gültiger und hartnäckig sich haltender Vorstellungen mit Hilfe unserer neu gefundenen Ergebnisse nachhaltig zu korrigieren. So z.B. die endlich erkannte Lage Nankendorfs an einer von Süd nach Nord verlaufenden Altstraße und im Bereich einer alten Grenze.

Dagegen sind wir wohl verpflichtet, das Landschaftsbild um Nankendorf wenigstens in den Grundzügen zu skizzieren. Dieses Bild wird natürlich vom Hauptfluß des Nordzuges der Frankenalb, der Wiesent, bestimmt. In vielfach gewundenem Lauf verläßt die Wiesent, etwa 5 km nördlich Nankendorf, die über dem Frankendolomit lagernden Sandsteinschichten der Kreide, die rings um die Stadt Hollfeld eine weite wellige Fläche bilden. Sie tritt in den Herrschaftsbereich des Weißjura in all seinen Formationen ein. Sofort ändert sich daher das Landschaftsbild. Bisher traten die Verebnungsflächen des Hollfelder Beckens nahe an die Ufer heran, zwischen denen die Wiesent scheinbar träge dahinfloß. jetzt werden die Ufer felsig und steil. Das begleitende Band der Uferwiesen ist meist schmal und verschwindet manchmal fast gänzlich, wenn in manchen Schleifen die Felsregion unmittelbar den Wasserlauf begrenzt. Der Formenreichtum nimmt zu. In Türmen, Riffen oder Bastionen stehen die Malmfelsen an, überzogen mit dem Pflanzenkleid der sogenannten Steppenheide. Die Schutthänge tragen Wacholderheide, Buschwerk oder krüppelige Kiefern, die sich auf den an die Uferhöhen anschließenden Hochflächen zu kleinen Gehölzen formieren. Dort beginnt auch die Region der Ackerfluren, nunmehr aus der lehmigen und sandigen Albüberdekkung bestehend, aus der die dolomitischen Knocks an zahlreichen Stellen herausragen, von Schlehdorn, Weißdorn, Hartriegel und Schneeball umsäumt. Die Feld" raine bilden lockere Schichten von Lesesteinen, oft aus Malmscherben bestehend. Hier sengt die Sonne im Sommer, so daß die Luft flimmert. Geheimnisvoll raschelt es in den trockenen fahlen Seggen. Die Eidechse sonnt sich auf dem heißen Stein. Ober der Geröllhalde blühen Zypressen-Wolfsmilch und Storchschnabel, Mauerpfeffer, Laserkraut und zitronengelber Schotendotter. Nur wenige Siedlungen trägt die Hochfläche: Kaupersberg, Neunerhaid, Dürnhof und Breitenlesau (mit der großen Linde). Unten im Flußtal: ein paar Mühlen, wo sich längst nicht mehr das Mühlrad dreht; nur die Sägegatter der Eichenmühle sind zu hören. Plankenfels liegt hoch über dem Engtal auf dem Gegenhang. Ein schmaler Uferweg führt an der Häusergruppe von Aalkorb vorüber nach Nankendorf.

Zu Füßen der Felsengruppen am Wiesentufer bleibt nur wenig Platz für das Dorf, so daß sich die Häuser eng zusammendrängen. Die bizarren Formen der Felsen haben die Phantasie der Bewohner vielfach dazu angeregt, Geschichten zu ersinnen, um die Namen zu erklären. Da ist auf dem rechten Ufer der "Säustein", der mit seinen Felsüberhängen und kleinen Höhen ("Nonnenloch") ein ganzes Massiv bildet. Ihm gegenüber, auf dem anderen Ufer, der "Türkenkopf", in dessen eigenartiger Form man den Kopf eines Türken mit Turban erblicken wollte und auch sogleich eine grausige Geschichte von ungebärdigen Türkenkriegern aus schlimmer Zeit dazu erzählte. Nördlich davon erhebt sich ein weiteres Felsmassiv, in Form eines Torbogens, so daß sich dafür der Name "Triumphbogen" einbürgerte. Eine fromme Legende aus dem Dreißigjährigen Krieg knüpfte sich daran. Der benachbarte Felsen hat seinen Namen "Hirschsprung" im Zusammenhang mit einer Jagdlegende erhalten. Altere Leute kennen die Legenden und Geschichten noch, doch handelt es sich vermutlich um "sekundäre" Entstehung. Eine Ausnahme machen nur die Geschichten vom "Säustein", bei denen es sich um echte Sagen handelt.

Merkwürdig ist, daß keine Sage eindeutig Bezug nimmt auf die Nankendorfer Kirche und deren frühe Bedeutung, wie sie in den historischen Forschungen der letzten Jahrzehnte mehrfach festgestellt wurde, 10). jedenfalls kam Erich Frh. v o n G u t t e n b e r g bei seinen bahnbrechenden Untersuchungen zu dem Ergebnis, daß es sich bei Nankendorf, nach allen Indizien, um eine karolingische Königskirche mit Patrozinium St. Martin, vielleicht schon im 8. oder 9. Jahrhundert bestehend, handeln müsse. Der Kenner von Land, Leuten und Geschichte des Wiesenttals, der in Waischenfeld geborene, 1968 verstorbene Michel Hofmann, 11), hat in seinen Arbeiten Guttenbergs Ergebnisse weitgehend bestätigt und durch eigene Forschungen, vor allem zur Pfarrgeschichte, erweitert. Als Pfarre wurde Nankendorf schon um 1139 erwähnt, 12). Ein weiteres Indiz ist sicherlich in der Größe des ursprünglichen Pfarrsprengels zu sehen. Dieser umfaßte den ganzen Bezirk des uralten Zentgerichts Waischenfeld, also das Gebiet innerhalb folgender Grenzen: vom Plankenstein zur Neubürg bei Wohnsgehaig, dann auf dem Höhenkamm bis zur Gegend der Ailsbachquelle (ca. 500 m vom "Altenhimmel", einem 570 m hohen Grenzberg des Hummelgaues entfernt, 13), dann noch einen Teil des linken Ufers am Oberlauf (bis Vorderkleebach und Poppendorf) einschließend, gegenüber Weiher im Ahorntal zum Bachlauf zurückkehrend, diesem bis Behringersmühle folgend, dann aufwärts dem Wiesentlauf bis Doos, weiter aufwärts dem Lauf der Aufseß bis Draisendorf, dann scharf einbiegend über die Hochfläche zurück zum Plankenstein. Die späteren Pfarreien.innerhalb dieser Zentgerichtsgrenzen sind durch Abtrennung von der Mutterkirche Nankendorf entstanden. Volsbach, Kirchahorn (mit seiner Tochterpfarrei Oberailsfeld) und schließlich die Stadtpfarrei Waischenfeld. Mit Ausnahme der im 16. Jahrhundert evangelisch gewordenen Pfarrei Kirchahorn wallfahrteten sie noch im 18. Jahrhundert alljährlich zur alten Mutterkirche, wie die Einträge in den Nankendorfer Kirchenrechnungen über die bei der "Ahnherowallung" der genannten Pfarreien gesammelten Opfergelder beweisen (vgl. Sage 11 u. 14).

9) Siehe Sage Nr. 12.
10) G u t t e n b e r g, Erich Frh. von: Kirchenzehnte... In: Jb. f. Fränk. Landesforschung , 6/7, 1941, S. 40 ff. - H o f m a n n , Michel: Beiträge z. Geschichte der Urpfarrei Nankendorf an der Wiesent. In: Fränk. Blätter, Jg. 5, 1953, S. 33-36, S. 38-40. D e r s.: Waischenfelder Prozession über den Berg. Ebenda, S. 42-44.
11) Vgl. Nachruf in: AO, Bd. 48, 1968, S. 291.
12) Mit Recht weist Michel H o f m a n n die in der Literatur oftmals auftauchenden, völlig unbegründeten Angaben zurück, Nankendorf sei schon 850 oder 987 (A. Sieghardt, Fränkische Schweiz. Nbg. 1952, S. 177) erstmals erwähnt.
13) M ü l l e r, Wilhelm, Der Hummelgau. In: AO, Bd. 36, H. 1, 1952, S. 81-128. • Ders.: Rosengarten, Himmelreich u. Galgenberg. In: Heimatbote, Jg. 6, 1954, Nr. 6. Ders.: Das Ahorntal. in: AO, Bd. 37, H. 1, 1955, S. 42-161. - D e r s.: Rechtsbrauch u. Sage im Hummelgau. In: AO, Bd. 46, 1966, S. 77-107. Altenhimmel« ist ein Berg, Forsthaus und Gastwirtschaft am Fuß des Berges sind junge Ansiedlungen im Glashüttener Forst. Diese Situation wird im Schrifttum immer wieder falsch wiedergegeben, ebenso leider auf den topographischen Karten, sogar auf denen der Landesvermessung.

Diese Wallfahrten zur ursprünglichen Mutterkirche führten von Waischenfeld über den Auberg nach Nankendorf und waren mit einer Speisung der Wallfahrer verbunden. Vom Brauchtum, das sich dabei entfaltete, ist noch heute manche Erinnerung vorhanden, und natürlich fand es auch in der Sage seinen entsprechenden Niederschlag, 14). In G. R a u h s Texten ist vom Tag St. Martin die Rede.

Ein weiteres Indiz für Alter und Bedeutung der Königskirche St. Martin zu Nankendorf ist das anzunehmende Königsgut im ursprünglichen Pfarrsprengel bei "Eglisfeld" (Oberailsfeld), das um 1094/1112 urkundlich erwähnt ist, 15). Mindestens ebenso wichtig ist die Tatsache, daß es in Oberailsfeld und einigen anderen Orten des einstigen Nankendorfer Sprengels (Pfaffenberg, Christanz, Vorderund Hintergereuth, der Wüstung Schirms bei Gereuth, Seelig, Reizendorf mit dem Hundshof, Volsbach und Körzendorf), 16), den sogenannten Würzburger Altzehnt gab, der auch noch nach Errichtung des Bamberger Bistums (1007) erhoben wurde, was streng beweist, daß diese Orte schon vor der Jahrtausendwende – also in "Würzburger Zeit" - bestanden. Daß die Nankendorfer Kirche dem heiligen Martin geweiht ist, der als Frankenheiliger des frühen Mittelalters schlechthin zu gelten hat wurde bereits erwähnt, 17). Niemand konnte bisher erklären, weshalb später noch St. Jakob hinzukam. Nach allen neuen Erkenntnissen im Zusammenhang mit der Bedeutung des Jakobs- Patroziniums kann es sich nur um die Lage an einer Altstraße handeln, denn St. Jakob ist der Straßen- Heilige par excellence, 18).

14) Ausführliche und mit Abdruck von Dokumenten versehene Schilderung bei Michel H o f m a n n, Waischenfelder Prozession über den Berg. In: Fränk. Blätter, Jg. 5, 1953, S. 42-44 (vgl. Anm. 10). - Auch Gunda R a u h befaßt sich eingehend damit in den noch unveröffentlichten Manuskripten. Siehe auch Sagen 11 und 14. Gunda Rauh nennt unter den Wallfahrts-Tagen ausdrücklich St. Martin, was M. Hofmann nicht kennt.
15) Guttenberg, E. Frh. von: Kirchenzehnten..., In: Jbflf, 6/7, 1941, S. 109, Anm. 11. - Looshorn: Gesch. Bmbg., Bd. 1, S. 498. - Vgl. Hofmann, M.: Urpfarrei Nankendorf, Fränk. Blätter, Jg. 5, 1953, S. 33/34.
16) Guttenberg (siehe oben!). - Müller, W.: Ahorntal (vgl. Anm. 13). -Kunstmann, Hellmut: Einleitung zu: Landkreis Pegnitz, bearb. v. A. Schädler (Kunstdenkmäler von Bayern. Regierungsbezirk Oberfranken, 2), München 1961, S. 16. -Die Aufzählung aller Orte - auch aus der Nachbarschaft - würde beweisen, daß sowohl das Ahorntal als auch das Kerngebiet des Hummelgaus schon vor 1007 (Gründung des Bistums Bamberg) mit würzburgischen Besitzungen bzw. Zehntrechten durchsetzt war. -Nur nebenbei sei erwähnt, daß der Würzburger Altzehnt in Mistelgau bereits 1948-49 durch W. M ü l l e r (vgl. Die Entstehung der Flurformen im Hummelgau) im Landbuch von 1499 (Staatsarchiv Bamberg) entdeckt wurde. Da jedoch H. K u n s t m a n n an das Lehenbuch Nr. 15 (Original im Staatsarchiv Würzburg) ging, konnte er die äußerst interessante ergänzende Mitteilung machen, daß der Würzburger Altzehnt auf den vier Flurhöfen von Mistelgau lag. Darin ist ein weiterer entscheidender Beweis erbracht für die Richtigkeit der von W. M ü l l e r auch für Altsiedlungen in Ostfranken festgestellten Primärexistenz von Blockfluren - zu höchstens vier bis sechs Urhöfen gehörig -, über die erst sekundär die Streifenfluren gelegt, und die später zu Gewannen« zusammengefaßt wurden.
17) W e i g e l , Helmut: Das Patrozinium des hl. Martin. Versuch einer Grundlegung von Ostfranken aus. In: Blätter f. dt. Landesgeschichte., Jg. 100, 1964.
18) W ei g e l , Helmut: Patrozinienkunde. In: Blätter f. dt. Landesgesch., Jg. 101, 1965. - Vgl. die Kartenskizze in: Kunstmann, Hellmut: Die Burgen der östlichen Fränkischen Schweiz (mit eingezeichneten Altstraßen), vgl. Anm 32.

Eine solche Altstraße kommt von Süden (Gößweinstein-Tüchersfeld- östlich Waischenfeld) über eine Wiesent-Furt, denn eine echte Altstraße verläuft nie entlang des Tales, sondern quert es höchstenfalls, um auf der anschließenden Hochfläche (nach Schönfeld, Kleetzhöfe) weiterzuführen. Da aber St. Jakob sich durch seine Attribute, den Pilgerhut mit der Muschel und den Pilgerstab als Heiliger der Wanderer, Wallfahrer und Pilger erweist, wäre eventuell auch an den Zusammenhang mit der schon erwähnten Wallfahrt zur alten Mutterkirche zu denken. Der hl. Jakob könnte freilich auch erst nach der Separation Waischenfelds in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts neben St. Martin getreten sein, vielleicht gleichzeitig mit dem Einsetzen der Wallfahrten über den Auberg nach Nankendorf. Dieser "Kirchenweg" stellt übrigens ein Stück der Altstraße dar. Kein Zweifel kann mehr bestehen, daß Nankendorfs frühe Bedeutung aus der Lage an einer Altstraße und in Nähe einer alten Grenze zu erklären ist.

Michel Hofmann stellt nach seinen Untersuchungen fest: "In Zusammenhang mit allgemeineren Erwägungen führen diese Argumente zum nicht mehr bestreitbaren Schluß: Nankendorf ist eine Urpfarrei, ist älter als das Bistum Bamberg. ist wahrscheinlich eine fränkische Königskirche, 19)

Diese Pfarrkirche Nankendorf und ihr Sprengel hatten im Spätmittelalter ein besonders merkwürdiges Schicksal. Mit der Separation von Waischenfeld vor 1415 bahnte es sich an. Es gibt hierüber keinerlei schriftliches Zeugnis, doch sprechen die Fakten für die Vorgänge. Noch 1591 gehörten 33 Orte, das gesamte Umland, zur Pfarrei Nankendorf; nur das Stadtgebiet von Waischenfeld hatte inzwischen seine eigene Pfarrei, die sich wie eine Insel innerhalb der Landpfarrei Nankendorf ausnahm, so daß es zur Ausbildung einer unteren (südlich Waischenfeld) und einer oberen (nördlich Waischenfeld) Pfarrei kam. Im ersten Viertel unseres Jahrhunderts war von einer "Pfarrei Nankendorf" ernsthaft nicht mehr die Rede. Für den ganzen Sprengel war Waischenfeld der namengebende Pfarrsitz. Im Filialdorf Nankendorf befand sich keine Wohnung für einen Geistlichen mehr, geschweige denn ein Pfarrhof. Anfänglich wurde nur noch an dem Beerdigungsrecht der Mutterkirche streng festgehalten, so daß etwa die Leichenbegängnisse aus der unteren südlichen Pfarrei durch Waischenfeld nur "durchgeläutet" wurden. Aber den Gottesdienst in Nankendorf hielt längst nur ein Waischenfelder Kaplan. "Von außen betrachtet, schien die Mutterpfarrei Nankendorf in ihrer Tochterpfarrei Waischenfeld untergegangen, und das Filialverhältnis umgekehrt, 20) Offenbar hatte das Bamberger Domkapitel, das seit 1301 die Pfarrei Nankendorf in Besitz hatte, keinen eigenen Vikar mehr präsentiert, so daß die Verwaltung der alten Pfarrei dem Waischenfelder Stadtpfarrer mit übertragen wurde, weil dieser doch in der zentral gelegenen Stadt Waischenfeld saß. Daraus entstanden im Laufe der Zeit unklare Verhältnisse und Meinungsverschiedenheiten über die Besitzverhältnisse im alten Sprengel.

Die Forderungen der seelsorgerischen Praxis und das von historischen Erinnerungen genährte Selbstgefühl der Nankendorfer führten zwischen den beiden Weltkriegen zu einer Aufteilung der vor allem angesichts der schwierigen Verkehrsverhältnisse übergroßen Pfarrei. Dabei konnten nun aber geschichtliche

19) H o f m an n , M. in: Fränk. Blätter, 1953, S. 34.
20) Ebenda.

Rechtstitel nicht mehr maßgebend sein. Nach langen, harten Kämpfen wurde am 1. Mai 1927 endlich die Filiale Nankendorf zur Kuratie erklärt aber erst ab 1. Oktober 1938 wieder zur selbständigen Pfarrei erhoben. Der neue Nankendorfer Pfarrsprengel umfaßt die Orte Nankendorf, Aalkorb, Kaupersberg, Löhlitz mit Schafhof, Neuenhaid und Bug, Neusig und Wohnsgehaig, außerdem noch die Nankendorfer Filialkirchengemeinde Plankenfels, Neuwirtshaus und Altneuwirtshaus, Maischlitz, Neuwelt, Plankenstein, Ringau, Wadendorf und Scherleithen. Die Gemeindegrenzen entsprechen den Sprengelgrenzen.

Von der mittelalterlichen Nankendorfer Kirche besitzen wir das hier veröffentlichte Bild, das in einer handgezeichneten und kolorierten Karte von der Löhlitzer "Landsgemeinde" aus dem Jahr 1718 enthalten ist, 21). Die alte gotische Kirche mit spitzem Turm stand - wie die heutige barocke Kirche - im Bereich einer Kirchen- oder Friedhofburg. Die alte Kirche stand quer zur jetzigen, mit einem ostwärts gerichteten Chor. Das alte Portal dürfte ungefähr an der Stelle des heutigen sein. Rechts, wo heute das Pfarrhaus steht, war damals eine alte Kapelle. Links stand die ehemalige Totenkapelle St. Bartholomäus (oder St. Jakobus, von daher wäre dann eventuell das Patrozinium zusätzlich auf die Pfarrkirche übergegangen). Später war sie im Untergeschoß Beinhaus (vgl. Sage 1), im Oberstock pfarrherrlicher Schüttboden für das Zehntgetreide. 1817/18 wurde sie zum Schulhaus umgebaut. Auf der alten Zeichnung zeigt die heute noch sichtbare Kirchhofbefestigung noch ein Obergeschoß in Fachwerk und den halbrunden Turm mit einer welschen Haube. Das Haus unterhalb dieses Turms ist durch eine Fahne als Wirtshaus bezeichnet. Die Mühle unten an der Wiesent, wo sich das Mühlrad noch drehte, noch heute ein stattlicher Bau, hatte damals ein Fachwerk- Obergeschoß.

Hoch über den an den stellen Uferhang der Wiesent gedrängten Häusern thront seit 1747/48 die von Michael Küchel entworfene und vom Waischenfelder Meister Wenceslaus Schwesner ausgeführte Barockkirche, 22). Aus der reich gegliederten Giebelseite tritt der schlanke, in zwei Geschosse geteilte Turm mit Voluten an den Dachschrägen. In den Nischen beiderseits des Portals stehen Kaiser Heinrich und Kunigunde. Eine durch Kröpfungen sehr bewegte Kuppel krönt den Turm. Im angenehm proportionierten Kirchenraum mit zwei kreuzgewölbten Jochen und eingezogenem Chor mit dreiseitigem Schluß befinden sich einige sakrale Kunstwerke von großen Meistern. So stammen die spätgotische Figur des hl. Martin am Altar, ein Erasmus und Wolfgang sowie die Flügelreliefs des Kaiserpaars Heinrich und Kunigunde von Hans N u ß b a u in. Auf den Rückseiten der Altarflügel finden sich Gemälde des Martyriums der zehntausend Christen als übertragung eines Holzschnitts von dem Bamberger Hofmaler Hans W o l f f (1542), der einst Albrecht Dürer nahe stand, 23). Der Wendelin stammt vom Ebermannstädter Meister Friedrich Theiler (1748-1826); der Patroziniums- Heilige Martin kehrt nochmals als Bildwerk zu Pferd, an der Wand angebracht, wieder.

21) StABbg., Planslg. R. 460. - Bei den Löhlitzer Sagen (A0, Bd. 43,1963, S. 119-139) haben wir daraus den Ausschnitt Löhlitz veröffentlicht. - Über die Landsgemeinde« vgl. M ü l l e r, W.: Das Ahorntal. In. AO, Bd. 37, H. 1, 1955, S. 42-161.
22) M a y e r, Heinrich: Die Kunst des Bamberger Umlandes. 2. Aufl. Bamberg 1952, S. 184 s.
23) S i t z m a n n, Karl: Künstler u. Kunsthandwerker in Ostfranken. Kulmbach 1957. Die Plassenburg, Bd. 12, S. 589

Die Terrasse, auf der die Kirche steht, setzt sich dahinter auch über die Kirchhofmauer hinaus fort. Hier war einst der Friedhof. Durch die Pforte in der Mauer tretend, gerät der Besucher auf die von der Hochfläche her kommende Straße. Dort oben auf der Hochfläche haben die Nankendorfer einen Teil ihrer Ackerfluren.
 
Und nun sollen die Sagen sprechen:

1. Zwei Wetten

In einer winterlichen Rockenstube zu Nankendorf machten junge Leute einmal eine Wette. Im alten kleinen Leichenhaus - eigentlich war's nur das Beinhaus im alten Wehrfriedhof - lag der Leichnam eines ertrunkenen Fremden. Nun kam man überein: wer sich getraue, Punkt 12 Uhr nachts vom Sarg ein Spänlein abzuschnitzen, dem sollte das ganze Kartengewinngeld des Winters zufallen. Ein armer Knecht gedachte sich den Gewinn als Zusatz zu seinem kleinen Lohn zu verdienen. Gleich ging er zum Friedhof. Lange wartete man - aber er kam nicht mehr. Man lachte darüber, denn man glaubte, daß er sich aus Furcht anders be.sonnen habe. Am nächsten Morgen fand der Kirchner beim Gang zum Gebetläuten den entseelten Knecht vor der Beinhaustüre mit eingeklemmtem Joppenzipfel. Sicher glaubte der junge in seinem Schreck, als sich beim Schließen der Türe die Joppe verzwickte, der Tote halte ihn fest.

In ähnlicher Form berichtet die Sage von einer jungen Magd, der man für den Besuch des Leichnams die Wollreste sämtlicher Spinnrocken während des ganzen Winters versprach. Das arme, kecke Ding ließ sich durch die aussichtsreiche Wette verblenden und überschätzte seinen Mut. Aber das Mädchen kam nach kurzem Fernsein schreckensbleich zurück mit der Behauptung, der Tote habe sie beim Schürzzipfel zurückgehalten. Die abgerissene Ecke sprach dafür. Doch am nächsten Tag fand man das fehlende Stück in die Türe eingezwickt.

2. Hexenunfug

Ein Nankendorfer litt sehr unter dem Hexenunwesen in seinem Stall. Wöchentlich gab immer eine andere Kuh statt Milch Blut. Da hörte der Bauer von einem Beschwörer von weit her. Den holte er. Dieser beschaute sich jedes Stück Vieh genau. Dann ging er in die Stube, betete lange unter dem Herrgottswinkel, um sich Gottes Segen zu erflehen. Nächsten Tag war seine Zeit gekommen. Nach gewissenhafter Vorbereitung sperrte er sich in den Stall. Nach einer Weile hörte man entsetzliches Kuhgebrülle; dazwischen hinein rief der Beschwörer mit lauter Stimme unverständliche Redebrocken. Es muß wohl die Hexensprache gewesen sein.

Endlich kam er aus dem Stall, ganz erledigt und ermattet. "Nun ist Ruhe", sagte er. Er wisse um die Hexe, es sei eine aus dem Dorf. Aber er dürfe dieser Person die Ehre nicht nehmen, wenn ihm Gott die Gewalt über die bösen "Luder"

erhalten wolle und solle. Außer Speise und Trank nahm er nichts an, nicht einmal heimfahren ließ er sich, sondern er wollte den weiten Weg zur Danksagung zu Fuß machen.

Zuvor gab er dem Bauern noch einen Rat: Abends vor dem Zubettgehen soll er vor die Stalltüre eine Gabel und einen Rechen überkreuz legen. Darüber kann die Hexe nicht steigen. Wer dann am nächsten Morgen in aller Frühe zuerst zum Hof käme, leihweise ein solches Gerät zu erbitten, das sei des Teufels Schützling. Aber niemand dürfe dann den Übeltäter erfahren. So tat der Bauer nach Geheiß, stellte sich jedoch heimlich mit der Lederpeitsche in der Hand hinter die Stalltüre, noch bevor jemand vom Gesinde auf war. Und es geschah, wie vorhergesagt. Aber wie erstaunte der Bauer, als es sein bester Freund, Nachbar und Kartbruder war. Um so mehr wuchs dem Erkennenden der Zorn. Noch bevor der Nachbar den Mund auftat, schlug ein furchtbarer Peitschenhagel auf ihn ein, daß er auf die Knie fiel und um Erbarmen flehte. Um Vergebung und Stillschweigen bat er, allen Schaden wolle er ersetzen und dem Teufel abschwören. Von da ab war Ruhe im Dorf von solchen Geschichten.

3. Sage vom Lochberg

Bis vor noch nicht zu langer Zeit mußte jedermann das Wasser an den Dorfbrunnen mit der Wasserbutte holen.
Eine Lochbergerin wollte nach dem Abstallen zur Füllung des Ofenhafens (= Wasserschiff) noch eine Butte Wasser vom Kühbrunnen holen. Gerade an der Wegkreuzung geriet sie beim Überqueren der Straße unter das Wütende Heer das ihr natürlich nichts anhaben konnte, weil sie auf der Kreuzung stand. Da fiel etwas Schweres mit lautem Plumps in die volle Butte, daß das Wasser nur so herumspritzte. Und schon kam ein klägliches Schreien aus dem vollen Gefäß. So schnell sie konnte, wankte die Frau heim mit ihrem Wasserkübel. Daheim zogen sie ein splitternacktes reizendes Bübchen aus dem Wasser.

Die Leute wußten genau um die Herkunft und taten dem Kind schön. Sie wärmten es, gaben ihm zu trinken und ließen es nächsten Tags taufen. Doch mit gemischten Gefühlen sah man in die Zukunft, man wußte um die Entwicklung solcher Wechselbalge.
Als das Kind heranwuchs, wurde es immer häßlicher und wilder. Im Schweinestall war sein Lieblingsaufenthalt, und da quälte es die Tiere. Die andern Kinder zerkratzte der Kleine. Vor dem Weihwasser wurde er bösartig und spuckte darnach; er schlug seine Zieheltern. Beim Gebetsläuten bleckte er die Zähne, wälzte sich auf dem Mist und biß nach jedem, der ihn berührte. Langsam bekam man Angst vor dem unheimlichen Kind. Was sollte dann erst werden, wenn es erwachsen ist! Einmal nahm die Frau den Buben zum Wasserholen mit. Es war schon dunkel. Und wieder kam das Wilde Heer. Laut jauchzte der Bub auf -wurde dann von der Hand seiner Ziehmutter gerissen und weg war er!
Man atmete auf ob dieser Lösung. Von da ab hatten die Zieheltern gerade im Schweinestall ein Mordsglück, jedes Mutterschwein warf eine Menge Ferkel und alle gediehen.

4. Die Männlein und der Nachtwächter

Früher mußte vom Schluß der Rockenstube, also ab elf Uhr, bis zum Beginn der täglichen Druschzeit im Winter, also drei Uhr, der Nachtwächter viermal seine nächtliche Dorfrunde gehen, durch alle Gassen und Dorfviertel. Dabei tutete er in sein Horn und rief die Stunde. So konnten sich die Leute genau nach ihm richten, ohne Wecker und Uhrgeläute. Beim dreimaligen Tuten war die Aufstehstunde zum Dreschen gekommen.

Der zuverlässige Wächter war der Veit vom Veitngütl. Einmal war er gerade bei seiner Runde in der Au und rief seinen Trostruf in das Dorfviertel, als plötzlich bei der Rutsche von der Schneeleite sieben schwarze Männlein herunterkollerten - ärschlings und kichernd. Sie kugelten dem Veit um die Füße und ließen ihn nicht weiter, weder vor- noch rückwärts, noch nach der Seite. Da kam dem Wächter neben dem Zorn auch die Sorge um die rechtzeitigen Wächterrufe. "Entweder steckt ihr mit dem Teufel unter einem Hut oder ihr wollt mich ins Zuchthaus und um mein Brot bringen, wegen der Versäumnis - oder ihr steckt mit den Spitzbuben zusammen!" Doch. die Männlein lachten, schüttelten die Köpfe und bannten einfach. Dem Veit brach der Angstschweiß aus, denn Jetzt sollte er schon am Lochberg sein; seine Rufzeit war genau festgelegt und er stand noch immer in der Au.

Doch plötzlich kam Bewegung in die kleinen Kerlchen. Langsam kugelten und trippelten sie vor ihm her, daß er schrittweise vorwärts kam. Wie sie bei der kleinen Krümme waren, deuteten die Wichtlein auf den Weberstadel. ja, Herrgott, was war denn das? Stand da im klaren Mondenschein ein schwarzer Gesell, ein Mordsmannsbild, zündete an seiner Pfeife einen Strohhalm an, den es gerade durch die Bretterluken in den vollen Heu- und Strohbansen schieben wollte. Da wurde der Veit lebendig und tutete mit Leibeskräften in sein Horn und schrie Jeuerio - Feuerio!"

Der Feuerlesschürer machte schnelle Beine zum Mühlsteg, aber der Veit: erwischte ihn mit seiner "Hälmix" (= Helmaxt = Hellebarde) am Joppenzipfel und hielt ihn laut rufenä fest. Im Nu waren die Männer in Unterhosen oder gar hemdig da und faßten zu. Aus dem Stadel aber "lunnerte" es schon hell. Doch mit ein paar Eimern war das Feuer gelöscht.Wie man da den Veit lobte. Der Brandstifter hatte mit dem Anzünden gewartet, bis der Wächter aus dem Bereich der Au gewesen war - so dachte er -, dann wäre jede Hilfe bei den brennenden Strohdächern zu spät gewesen.

In der nächsten Nacht steckte sich der Veit zum Dank für die Männlein einen Tiegel voll "Hink" (= Honig) ein und stellte ihn in der Au an der gestrigen Argerstelle ab. Doch nichts war zu sehen. Als er die zweite Runde machte, war der Tiegel weg, dafür lag an der Stelle eine Menge Goldstücke aus alter, unbekannter Zeit. ja, ja, nicht immer waren die Männlein der Menschen Feinde.
Noch einmal sollen die Männlein Veit geholfen haben, am alten Zehntstadel (wo heute die Schmiedscheune steht) einen Korndieb dingfest zu machen, der sich am Kirchzehnt vergreifen wollte. Für diese Sage fanden sich auch in den Rechnungen um 1650 Meldungen und Kirchenstrafen.

5. Der Pöpl in der Mühle

Bevor am Sonntag die Müllerin von Nankendorf zum Gottesdienst ging, befahl sie ihrer Jungmagd: "Mach das Essen fertig und paß auf die Kinder auf. Wenn dir was nicht quoa (= nicht geheuer) vorkommt, brauchst dich nicht zu fürchten." Als gerade die Wandlung läutete, hörte die Magd ein Geräusch, als ob ein Sack Erbsen die Stiege herabgeschüttet würde. Gleich schaute sie sich um - es rollte und bollerte weiter, ohne daß etwas zu sehen war. Im Schreck vergaß das junge Ding die Mahnung der Frau, packte die kleinen Kinder und lief mit ihnen in den Hof, sogar die Wiege schleppte es mit. Drinnen im Haus hörte sie allerlei Rumor, die Kochtöpfe wurden auf dem Herd hin- und hergerutscht, das Ofentürlein klapperte und der Geruch von überlaufenden Speisen machte der Magd himmelangst. Sicher würde alles anbrennen!

Endlich kamen die Kirchleute heim. Als die Müllerin die Gesellschaft vor dem Haus stehen ah, wußte sie gleich, was vorgefallen sein könnte. Rasch lief sie nach ihrer Kocherei zu schauen und hörte das jammern der Magd gar nicht an. Doch welche Überraschung harrte der Ankommenden! Der Tisch war gedeckt, die weißen Klöße standen dampfend auf dem Tisch, der braunkrustige Schweinebraten daneben, ebenso Kraut und Brühe. Da rief die Frau die zögernde Magd und sagte: "Dummes Ding! Der Pöpl will bloß foati (= fürchtend) machen. Was hab ich nicht gesagt! Wärst drinnen geblieben, wär er dein Freund worden. So aber kannst noch allerlei Fratz von ihm erleben."

6. Die Grabplatte von der Holomannskirche, 25)

Vor vielen hundert Jahren brachte der alte Müller, als er mit dem Knecht Holzstämme aus dem Löhlitzer Wald zum Schneiden holte, eine große, breite, glatte Steinplatte mit heim. Eigentlich war's ein eigentümlich gehauener Stein. "Der paßt grad in mein Ofenloch als Herdplatte, darauf haben die Häfen eine ebene Unterlage und beim Topfwechsel kann man das Anstoßen vermeiden", meinte der Müller. Damals kochte man noch im großen Schürloch. Die Töpfe standen um das Feuer und wurden mittels Ofengabeln verschoben oder herausgezogen.
Der alte, weißhaarige Nachbar betrachtete sich den Stein, schüttelte seinen Kopf und meinte bedächtig: "Laß den Stein draußen und fahr ihn gleich wieder zurück, denn es ist ein Grabstein aus uralter Zeit von den Holomannskirchener Toten. Der schreit nach seinem Ort".

24) Weitere Sagen vom Pöpl siehe Nr. 22, vgl. auch im Schafhof bei Löhlitz (A0, Bd. 43, 1963, S. 131). - Pöpl-Gesdichten siehe auch in: B r ü c k n e r, K.: Sagen d. Fränkischen Schweiz, 11, S. 262-273. - B ü t t n e r, Heinz: Sagen ... Lkr. Ebermannstadt, S. 69 f., 91.
25) Vgl. Die Holomannkapelle bei Löhlitz. In. AO, 1963, S. 124; B ü t t n e r, H.. Sagen..., S. 65.

Aber der Alte wurde wegen seines Orakels ausgelacht. Brummelnd verließ er den Hof. Als man die alte, zerbrochene und abgerutschte Ofenplatte entfernt und die neue eingesetzt hatte, wurde gleich ein helles Feuer entfacht. Man stellte zunächst die Kartoffelhäfen für das Schweinefutter herum.
Da entstand ein Lärm im Ofenloch, die Töpfe wackelten, ja fielen um, obwohl sie doch so gerade und fest gestanden waren. Das Feuer zischte und ging aus. Doch der Lärm ging weiter. Allen lief eine Gänsehaut über den Rücken, alles lief zusammen. Als die letzte Kohle verglüht war, wurde es still im Ofen.
An dem Tag bekamen die Müllersleute kein warmes Essen, das Vieh kein Gebrühe. Nun holte man den alten Nachbarn, der ihnen den Rat gab. "Reißt die Platte raus und laßt sie nicht über Nacht im Hof". Man tat's, und umgehend fuhr sie der Knecht zum Fundort zurück. Daheim erzählte er, daß er einen lauten Schnaufer aus dem Erdboden hörte, sobald der Stein genauso lag, wie er ihn gefunden hatte. In der Mühle war wieder Ruhe.
Eine ähnliche Sage kreist auch um ein Löhlitzer Haus.

7. Der Pachterspöpl

Der Hof mit seinen umgebenden Gehöften war einer der ersten im Dorf. Solange es im Hause nach Recht und Gerechtigkeit ging, Dienstboten und Vieh ihr Recht bekamen, brachte der Hauspöpl trotz aller Ärgerlichkeiten Segen und Glück.
Zu einem neuen Hausknecht des Pachters kam einmal gleich in der ersten Nacht der Pöpl ans Bett. Am nächsten Morgen erzählte das der Knecht seinem Herrn. Der wunderte sich und vermutete, daß der Pöpl wohl etwas vorhabe. Drum sagte er: "Brauchst dich nicht zu fürchten, wenn er etwas verlangt, tu's nur gleich und wenn's dir noch so dumm vorkommt.- Und wirklich, in einer der nächsten Nächte befahl der Pöpl dem Knecht, gleich aufzustehen und ihm zu folgen. Hinter der Haustüre lehnten Reuthacke und Schaufel. Die nahmen sie mit. Nun mußte der Knecht auf des Pöpls Geheiß hinter dem Hause das Graben und Schaufeln anfangen. Da nieste der Pöpl. Der Knecht sagte: "Helf Gott!" Ebenso beim zweitenmal. Doch das dritte Mal war dem Knecht beim öffnen des Mundes ein Feuerfax (= Nachtschmetterling) in den Mund gekommen, so daß er statt der Antwort husten mußte. Darob fluchte der Knecht ein ärgerliches "Sakrament" heraus. Oh, wie fing da der Pöpl an zu weinen und zu jammern: "Beim dritten Helf-Gott wär' ich erlöst gewesen - jetzt muß ich wieder hundert Jahre warten".

8. In der Eiergasse

Auch in der Eiergasse war's nicht ganz geheuer. Das ist eine Zweiggasse. Zwischen ihr und der Straße nach Plankenfels läuft die Wiesent. Eine G r e n z g a s s e soll sie gewesen sein. In einer stockdunklen Nacht wurde der Geistliche zu einem Verschgang nach Plankenstein geholt. Vor ihm ging der Mesner mit der Sturmlaterne und dem Handglöcklein. Als sie zur 'Eiergasse einbogen, um den Umweg abzukürzen, sprengte plötzlich ein seltsamer Reiter daher, dessen Panzer fahl leuchtete. Erschrocken blieben die zwei Männer stehen, weil sie Angst hatten, vom Pferd überritten zu werden. Da machte der Ritter kehrt und sein Roß tänzelte vor den beiden her. Als der Wind plötzlich die Laterne ausblies, leuchtete die Rüstung des Reiters heller als der Mond. Das ging bis zur Schatzlache. Und weg waren die unheimlichen Begleiter.

Tiefe Finsternis umgab die Männer, keinen Schritt konnten sie weitergehen. Der Mesner plagte sich mit dem Licht ab, doch immer wieder ging es aus. Was tun? Eng war der Weg, rechts fiel er direkt zur Wiesent ab, links war der steile Felsenberg. Und der Sterbende wartete auf seine letzte Tröstung. Verzweifelt bimmelte der Mesner mit seinem Glöcklein, ob nicht doch drüben auf der Straße ein nächtlicher Heimkehrer helfen könnte. Da kläffte vom Äppenberg her in höllischem Geheul ein Hund, vom Felsen neben den Wanderern uhute schauerlich ein Nachtvogel. Aus der Schatzlache kam ein Klagen.

In der größten Not erschien plötzlich wieder der Reiter. Sein Roß dampfte und keuchte. Von dem Hals des Ritters rieselte Blut auf den Glanz der Rüstung. Doch dessen ungeachtet zeigte er den beiden den Weg in hellem Leuchten bis zur Schwarzen Hüle in Plankenstein. Als der Priester den Sterbenden versehen hatte und beide wieder heimgingen, besprachen sie den Spuk. Ruhig brannte nun die Laterne. Bei der Schatzlache rührte sich nichts. Bloß als sie auf die Dorfstraße bei der Brücke kamen, standen Roß und Mann wieder vor ihnen und eine dumpfe Stimme sagte: "Heute wurde ich Herr über meinen höllischen Peiniger - nur in Gegenwart des höchsten Herrn ward mir der Sieg." Von nun ab war auch der Spuk um Schatzlache und Appenberg verschwunden. Eine andere Sage erzählt, daß gerade dieser Eiergaßreiter einmal eine fremde Raub- und Kriegshorde in die Flucht gejagt habe, als diese heimlich das Dorf überfallen wollte.
 
9. Vom Zehentstadelberg

Der Zehntstadel stand bei der heutigen Schmiedscheune und diente zur Aufspeicherung der Zehntabgaben für Kirche und Pfarrer. Auf der Anhöhe daneben, also beim Schmiedhaus, soll einst vor vielen hundert Jahren der erste Pfarrhof gestanden sein. Später hieß der Platz "Pfarrlehensgut".

Da das Wütende Heer immer geweihte Stellen umging, mied es Kirchberg und Auberg mit der Kapelle. So kam's, daß es von der Neunerhaid her über den Lochberg zum Schützengraben brauste.

Die Dorfleute hatten große Angst vor den Wilden. Doch ein Pfarrer tröstete sie damit, daß er versprach, jederzeit vor einem solchen Spuk die kleine Glocke selber zu läuten, damit sich alles in Sicherheit bringen konnte, - der Pfarrer war als heilig verschrien. Diese Ansicht bekämpfte er aber zornig auf der Kanzel. Er habe nur einen treuen Mahner. Das war kein andrer als der Pfarrpöpl am Poppenberg hinter dem Haus. Als der Pfarrer wieder einmal Weisung erhalten hatte und er das Mahnglöcklein zog, verstummte dieses plötzlich, so daß kein Ton vom Turme kam. Furchtbarer Lärm erfüllte die Luft, ein Blitzstrahl fiel ins Dorf, gerade aufs Pfarrhaus. Lichterloh brannte schon das Strohdach. Es war die Rache der Höllischen.

Aber diese hatten nicht mit dem Pöpl gerechnet. Sofort hatte der seine Freunde ringsum alarmiert und Wassergüsse von oben löschten die Flammen. Die Dörfler erzählten nachher, es habe nur so gewimmelt über dem Haus vor schwarzen Gestalten. Noch heute ist die Sage lebendig, daß das uralte einstige und nie mehr aufgebaute Pfarrhaus einem Brand zum Opfer gefallen sei.
 

10. Der unheimliche Klopfer

Lag im Umkreis der riesengroßen Pfarrei ein Sterbender in seinen letzten Nöten, dann weckte den Pfarrer bereits lange Zeit, noch bevor ein Bote kam, lautes Klopfen an der Haustüre mit dem Holzklöpfel. Niemand war zu sehen oder zu sprechen. Der Pfarrer wußte, um was es ging, er machte seine Vorbereitung zu diesem Gang und benachrichtigte den Mesner. Kam nun der Bote, standen beide schon bereit unter der Kirchtür zum großen Erstaunen des Nachrichtenüberbringers. So kam stets der Pfarrer rechtzeitig, denn lange Wege waren ja zu machen.

Der unheimliche Melder aber soll eine unerlöste Seele gewesen sein. Ein Pfarrer sei einmal nachts zu einem Sterbenden gerufen worden, wäre aber wieder eingeschlafen, so daß der Kranke ohne geistlichen Beistand starb. Schwer litt der Mann wegen dieses Versäumnisses. Als Sühne habe er Gott das Angebot gemacht, nach seinem Tode immer seinen lebenden Amtsbruder rechtzeitig einen Versehgang zu melden.

11. Sage um die Dreifaltigkeitsmarter

Sie steht am Rande einer großen Ackerflur, die dann in Wald übergeht. Uralt soll sie sein. Die jetzige Marter trägt ein aufgefrischtes Dreifaltigkeitsbild, denn das alte war verblichen gewesen. An dieser Stelle soll die letzte Rast der Tochterkirchenpilger vor dem Einzug gewesen sein. Dort sollen die einzelnen Wallfahrten aufeinander gewartet haben, um sich zur großen Wallfahrt in die Kirche zu ver-

26) Vgl. AO, 1963, S. 130. - Sagen vom Wütenden Heer" deuten immer entweder auf eine Altstraße oder auf eine alte Grenze, manchmal auch auf beides. Siehe auch Sage Nr. 3 (Vom Lochberg) und Nr. 8 (In der Eiergasse), wo es ausdrücklich von der Straße im Sagentext heißt: Eine Grenzgasse soll sie gewesen sein", ferner Nr. 9 (Vom Zehntstadelberg), worin es heißt, daß des Wütende Heer" immer geweihte Stellen umging, den 'Kirchberg und Auberg mit der Kapelle mied und von der Neunerhaid über den Lochberg zum Schützengraben brauste«, was genau entlang der alten Grenze ging. In Nr. 11 steht: Immer mußte sich der wilde Ritt wenden, wenn ihm etwas Unüberwindliches wie ... ein Grenzbezirk eines andern Gaues in den Weg stieß. Die "Neunerhaid" ist ein seit dem Dreißigjährigen Krieg wüst liegender Hof auf der Hochfläche zwischen Nankendorf und Breitenlesau.
 

..einen. Auf ihrem Heimweg lagerten alle bei der Aukapelle, wie schon geschrieben, wo sie dann von der Nankendorfer Stiftung mit süßem 1-Ersebrei gestärkt wurden für den weiten Heimweg.

Diese Marter besteht aus groben, verwitterten Steinen, ist etwa zwei Meter hoch und zeigt barocke Form. Das Bild ist ein kleines Gernälde in Dachziegelform und ist im oberen Marterkopf befestigt. Keine Inschrift gibt Auskunft über Stifter, Ursache und Zeit der Errichtung. Um so mehr aber fabelt das Volk.

Bevor die Marter stand, war hier früher eine schlimme Stelle. Die weite Hochfläche, die gegen Osten von der "Bürg" abgeschlossen wird, war ein fürchterlicher Tummelplatz für das "W ü t e n d k e h r" (= Wütendes Heer). Hier konnten sich die unholden Reiter austoben, wenn sie von Westen hergebraust kamen. Und da die Bürg einen Riegel vor das Weitertosen schob, war hier die "Kehre" (= Wende) der Unheimlichen. Wehe, wenn der einsame Wanderer dieser Jagd begegnete! Schnell mußte man sich platt auf die Erde legen, mit dem Gesicht nach unten. Einmal wurde einer Frau, die sich schnell zu Boden geworfen hatte, das grüne Wettertuch in tausend Fetzen zerschlitzt. Stand ein Pflug in einer WütendkehrNacht im Freien auf dem Felde, so fand man am nächsten Morgen entweder nur demolierte Teile, und die nicht alle, oder der Pflug hing auf einem der höchsten Bäume, für niemand erreichbar. Wehe, wenn sich ein Schaf beim Eintrieb verlaufen hatte und nicht heimfand! Bestimmt hing der Balg samt Kopf und den Klauen auf einem höchsten Baumwipfel, während die Fleischfetzen überall verstreut lagen, wenn sie nicht schon das Raubzeug verzehrt hatte. Am sclilimmsten wütete das "Kehr" im geschnittenen Getreide oder in den Flachsrösten. Dann lag das Korn im Wasser und der Flachs im Kornacker. Nach solch nächtlichem Spuk weinten am andern Tag die Bauern und warfen in ohnmächtigem Zorn ihre Fäuste zum Himmel.

Da gab ihnen der Leutpriester einen Rat, nämlich an der unheimlichen Wende eine Marter zu errichten. So entstand die festgefügte Dreifaltigkeitsmarter. Aber der Spuk ging trotzdem weiter, denn die Kehre des Wilden Heeres lag etwas tiefer an der Flurgrenze Nankendorf-Löhlitz. Deshalb stellte man eine zweite Marter auf, und zwar aus dem Holz eines Baumstammes, dessen Geäst der Zielpunkt des Spottes war. Man nannte diese Holzmarter Spreißelmarter27). Nun war der Schreck gebannt, denn der Weihsegen zog seine Banngrenzen. Nun mußte es seine "Kehre" verlegen und damit audi sein Passiergebiet mehr gegen Osten der Neubürg zu. Immer mußte sich der wilde Ritt wenden, wenn ihm etwas Unüberwindliches wie ein Weihsegen oder ein hoher Einzelberg (Neubürg) oder der Grenzbezirk eines anderen Gaues in den Weg stieß. Unser Wütendkehr brauste vom Plankenstein über die Neunerhaid gegen den Hanzasand (Neusiger Flur) bis zur Neubürg, nahm aber dann am Zweigweg hinter dein Schützengraben seine Kehrrast, wo es den wüsten Schabernack trieb. Nach anderen Darstellungen soll bei der Dreifaltigkeitsmarter ein Bierfuhrknecht mitsamt Gespann verunglückt sein.
 

27) Vgl. Löhlitzer Sagen (A0, Bd. 43, 1963, S. 130). Die Spreißelmarter steht auf einer Gemarkungsgrenze zwischen Nankendorf und Löhlitz. - R a t t l e r, P.. Die Flurnamen von Waischenfeld. Diss. Erlangen, 1953, S. 52.
 

Doch gerade die Dreifaltigkeitsmarter ist sehr alt und war Treffpunkt der Tochterkirchenwallfahrer zur Martini- Mutterkirche, denn hier ist das Plateau sehr weit und übersichtlich. Gegenüber der Spreißelmarter liegt der Dormannsberg. Am Fuß dieses Berges lag einst das Dormannsgut, das verfiel oder auch im Krieg zerstört wurde. Um dieses Gebiet schlich sich der Höllenfürst in Gestalt eines riesengroßen schwarzen Hundes mit feurigen Augen und bleckenden Zähnen. Da der Unheimliche die Leute auf ihrem Kirchgang schreckte, bannte ihn einst ein Geistlicher ins dunkle Loch der Berghöhle (Linneler Loch). Dort hörte man den Wütenden manchmal so fürchterlich rumoren, daß die Felsen wackelten. Die schwarzen Männlein im Bereich des Eisweihers nebenan waren wohl die Grenzhüter, die nächtliche Spitzbübereien auf fremdem Flurgebiet schreckten. Am einstigen Eisweiher ist im. Wäldchen der Hexenstein versteckt, dessen Name heute fast erloschen ist, ein einsamer Felsblock. Ihn umkreisten zur mitternächtlichen Stunde die Teufelsbräute und übten zu ihrem Großtag, dem Walpurgistag, ihre Reitkünste.

12. Am Säustein

Dort ist's gar nicht geheuer, denn darin sind unterirdische Grotten und Löcher, in denen die "Hexenschweine" (daher Säustein) schlafen. In der Weiwasnacht (= Walpurgisnacht) müssen die ihre Hexen zum Blocksberg tragen. Borsten haben diese Schweine wie die Schlehendörner, Kühschwänze für den Hexengriff als Zügel, rollende Glühaugen und schreckliche Wolfszähne. Hört man manchmal ein Hexenschwein schreien, sagen die Leute: "Wenn die Hexensau grunzt wie der Teufel, dann hat sie keine Hexe zum Ritt bekommen." Wehe dem Menschen, der einer solchen Sau in den Weg läuft, der wird zu Tode gehetzt. Dagegen gibt es nur ein Mittel: Man darf nicht vorwärts gehen, sondern man muß mit dem Gesicht dem Unhold zugewandt sich rückwärts heimbewegen. So kann das Schwein nicht näherkommen und muß auf drei Körperlängen Abstand halten. Wer den Schrecken schon erlebte, erklärte, daß eine Hexensau ein furchtbarer Anblick sei -"der Teifl wär schön dageng". Mancher Wanderer sah am Säustein einen kopflosen Hund, der markerschütternd heulte. Dann bekreuzigt man sich und läuft, daß einem die Beine knicken. Dabei kann's passieren, daß einem harte Steinbrocken nachfliegen, die aber nie treffen. Nur einmal wurde ein Betrunkener blutig getroffen. Er schrie nämlich dem ersten fliegenden Stein nach: "Der Teufel soll dich holen!"

Am Säustein geht auch der W a l p u r g i s r i t t vorbei, wenn er heimwärts zieht. Da ging einmal eine Nankendorfer Frau um Mitternacht von einer Hochzeitsfeier auf einem Rangerdorf heim. Kaum hatte sie den Säustein hinter sich, hörte sie in der Luft ein Gezwitscher aller möglichen Vögel. Es war kein Singen, sondern ein ängstliches Gepiepse. Aber auch andere leise Tierstimmen konnte man hören. Es war, wie wenn alles Kleingetier aus dem Schlaf gerissen und verfolgt würde. Voll Angst kroch die Frau trotz ihrer Seidenschürze in ein dichtes Dorngebüsch direkt am Weg zu Füßen des Säusteins. Ihr grünes Tuch schlug sie schützend um sich.

Und schon kam's in sausendem Galopp dahergestürmt. Im fahlen Mondlicht sah sie Scharen aller möglichen Vögel durch die Luft schwirren. Der Luftzug von dem schweren Flügelschlag wehte das Tuch auseinander. Dann kam's in wildem Ritt auf Schweinen und Geißen dahergebraust, ganz dicht am Boden, aber so höllisch rasend war das Tempo, daß man die Füße den Boden nicht berühren sah. Das war ein Gemecker und Gegrunze und Getrappel und Getösel Die Luft pfiff, als ob die Hölle losgelassen. Die Frau guckte voll Todesangst aus einem verwehten Tuchzipfel. Aber sie konnte keinen der Reitenden, ob Mann oder Frau, erkennen. Der letzte Reiter streifte ganz nahe die Hecke, in der die Frau saß - ihr war, als ob er ihr Knie berühre.

Ach Gott, wie da die Arme zitterte - patschnaß war ihr Körper vor Angstschweiß, das Blut troff von Händen und Gesicht, denn sie verkroch sich immer tiefer im argen Dorngestrüpp.
Als der tolle Spuk vorüber war, verspürte die Geängstigte einen furchtbaren Schmerz im Knie. Mühsam entwirrte sie sich aus den Dörnern, fast kriechend schleppte sie sich nach Hause. Ihre Angehörigen mußten sie ausziehen, denn der Schreck war zu groß. Das Knie war arg verschwollen und blieb steif. Alle möglichen Bader fragte die Frau um Rat, denn Ärzte gab's ja seinerzeit noch nicht. Sogar der berühmte Büchenbacher Bader wußte kein Mittel. Keine Salbe half, kein Überschlag - nicht einmal das "Anfangen".

Da hörte sie von einem "Wegbeter", weit weg. Zu dem ließ sie sich fahren, denn die Schmerzen waren unerträglich. Der besah sich das Knie und erklärte, daß er dagegen nichts machen könne: "Der dir das antat, kann's allein nur wieder wegbringen! Geh am Jahrestag des Unfalls allein an den Ort, wo's passierte, und setze dich zur selben Stunde in dieselbe Hecke. Du brauchst keine Angst zu haben, es wird dir geholfen".
Die Frau folgte dem Rat. Mit pochendem Herzen hockte sie in den Dörnern. Und wirklich - da kam wieder das unheimliche Gezwitscher und das donnernde Gedröhne - ein Höllenlärm. Tatsächlich stieg wieder der letzte Reiter ab und sagte für sich: "Voriges Jahr hab ich in den Dörnerstock meine Nähnadel gesteckt. Die muß ich wieder mitnehmen!" Und schon fühlte die Frau, daß ihr etwas aus dem Knie gezogen wurde. Sofort war der Schmerz weg und das Knie nimmer steif. Nun aber das schönste! An der Stimme hatte die Frau den Reiter erkannt-. es war ein guter Bekannter aus einem Nachbardorf, der ihr als Jungbursche einen Heiratsantrag gemacht hatte und den sie abwies. Eiskalt lief's der Frau den Rücken hinunter. Ach Gott, daß der Mensch sich dem Teufel verschrieben hatte!
 
13. Die Marter in der Au

Gegenüber dem Säustein befindet sich auf schmalem Wiesenstreifen eine Marter direkt vor dem steilen Abhang. Zwei Sagenformen halten die Ursache der Errichtung fest. Ein Waischenfelder Krautschneider - dieser hatte das verbriefte und versteuerte Alleinrecht, das Kraut zum Einsäuern auf den umliegenden Gehöften zu schneiden - ging in einer sehr späten Nachtstunde von Nankendorf heim. Er hatte den ganzen Tag bei einigen Bauern das Kraut gehobelt. Den schweren Holzhobel mit dem Schieber hatte er mit einem Strick um die Schulter gehängt. Weil die Nacht mündlos und regnerisch war, wie eben die Novembernächte oft sind, gaben ihm die Leute den Rat, doch nicht über den Berg, sondern der Straße nach zu gehen. Aber der Krautschneider war seines Weges sicher, Furcht kannte er nicht und zudem wohnte er in der Fischergasse in Waischenfeld, die er vom Auberg her rascher erreichte.
Aber trotz aller Ortskenntnisse verlief er sich in der Stockdunkelheit, kam zu weit rechts, rutschte und stürzte von einem Felsen in die Tiefe. Das Marterl kündet den Ort, wo man den Toten fand. - Ein Nankendorfer Müller ging in Winterszeiten gern zum Plausch und Gedankenaustausch zum Uhlbauern auf Schlößlein. Das ist ein einsamer Wiesenbauernhof zwischen Nankendorf und Waischenfeld. Man rauchte sein Pfeiflein, erzählte sich dies und das und ging dann als guter Nachbar wieder heim.

Einmal zeigte nun der Uhlbauer dem Müller die alten Schloßgewölbe in den Kellern, wo man früher das Pulver lagerte. Der Bauer hatte jedermann den Zutritt zu den baufälligen Gewölben verboten. Und wie der Teufel sein Spiel treibt, stürzt plötzlich ein Gewölbestück ein, als die beiden Männer mit ihrer Funzellaterne dort waren. Ein Steinbrocken traf den Müller, daß er bewußtlos zusammenstürzte. Man trug ihn hinauf in die Wohnstübe und gab ihm einen scharfen Schnaps. Bald hatte sich der Verunglückte wieder erholt, bloß etwas "dumm" war ihm. Der Uhlbauer wollte ihn mit seinem "Scheeßlein" heimfahren. Dagegen wehrte sich der Müller, denn da würden seine Leute erschrecken. Freilich würde ihm die frische Nachtluft nur gut tun. Und so machte er sich auf den Weg. Aber heimgekommen ist er nicht. An der Stelle, wo die Marter steht, brach er zusammen und erfror in der eiskalten Winternacht. Die Müllersleute setzten das Marterl. Welch wahrer Hintergrund aber die Ursache der Martererrichtung ist, ist nirgends festgehalten.
 
14. Wie die Aukapelle entstand

Die Aubergfelsen, die das Wiesentufer begleiten, sind wie stützende Säulen für das Auberggelände. Auf dieser Höhe breitet sich das beste Ackerland in der Nankendorfer Flur aus. Gleich am Ende des Aufstiegs steht hier unter uralten mächtigen Linden die Aukapelle, ein kleines Muttergottesheiligtum, das um 1930 noch ein Türmchen mit Glöckchen und Vorbau durch Wohltäterhand bekam. Die Kapelle birgt eine wunderbare Muttergotteskopie von Lukas Cranach. Ein Maler erklärte mir einmal, daß diese Darstellung eigentlich die "deutsche Muttergottes" sei (von der immerwährenden Hilfe), wie ja auch die Russen hierfür ihre eigene Darstellung haben. Ich kann mich noch erinnern, wie so um 1920 viele Votivtafeln und Wachsgebilde die Kapelle schmückten als sichtbare Zeugen für erlangte Hilfe. Heute hat man diese Gebets-Erhörungs-Dankbeweise sehr reduziert. Man verehrte diese Madonna als wundertätig, und viele Bedrängte wallten zu dem kleinen Heiligtum.. Vor vielen Jahrhunderten, als die Nankendorfer Urkirche die einzige Hauptkirche im Umkreis war, wallten alljährlich ihre Tochterkirchen-Pfarrkinder nach Nankendorf. Das waren die Oberailsfelder, Kirchahorner, Volsbacher und Waischenfelder. Da war dann großer Feiertag - man brachte sein Opfer und freute sich des Gefühls der Zusammengehörigkeit. Da im Dorf selber nicht so viel Platz zum Ruhen für die vielen Menschen war, lagerte alles auf dem Heimweg oben auf dem lindenschattigen Auberg. Die Nankendorfer Stiftung bewirtete ihre Wallfahrer mit Hirsebrei, dem damaligen köstlichen Kirchenschmaus - man buk noch keine Schmalzküchlein oder Kuchen. Das war am Märtelstag - dem Fest "Dedikantes" - dem Patronatsfest. Daher hatte lange die Nankendorfer Kirchweih den Namen Hirschbreikerwah - Hirsebreikirchweih. (Diese Tatsachen sind aus den Stiftungsrechnungen ersichtlich.) Bei einer solchen Rastpause äußerte einmal ein begleitender Pfarrer: "Hier sollte eigentlich eine Kapelle stehen mit einem Bild oder einer Heiligenfigur - das wäre anziehender als die DreifaltigkeitsMarter weiter drüben." Der Gedanke fand viel Beifall bei allen Wallfahrern, der Geistlichkeit und besonders bei den Nankendorfern selber.

Nach einigem Hin und Her ging ein Wallmann zu den Wortführern und erklärte sich bereit, für die Kapelle ein wunderschönes Muttergottesbild zu stiften. Er habe es schon daheim stehen, aber es fehlt ihm der Platz. Vor vielen Jahren wollte er selber eine Kapelle bauen, aber dazu käme er nie. Bisher habe das Bild seinem Hause Glück gebracht - jedoch wegen Platzmangels käme es nicht zu den Ehren, die ihm gebühren.
Sofort griffen die Nankendorfer den Vorschlag auf, und man versprach, daß bis zum nächsten Märtelstag die Kapelle eingeweiht werden soll. Froher Hoffnung voll zogen die Wallfahrten heim. Als es so weit war, wurde das schöne Bild auf bekränztem Wagen feierlich abgeholt und alle Unterpfarreien nahmen an der Einweihung teil.

15. Schatzlachensage

Unweit der Straße vorn Plankenfelser Berg gegen Nankendorf zur großen Kurve liegt mitten in den Wiesen nahe dem Stauwehr die Schatzlache. Es ist ein langgestreckter Tümpel, der eine unheimliche Tiefe, so tief wie der Nankendorfer Kirchturm hoch ist, haben soll. Die Grundwasser der Wiesent speisen die Lache, ihr Niveau ist stets gleich dem der Wiesent. Einsam träumt das ziemlich nutzlose Wasser mit geringem Fischbestand, das Lebensfrohe des Flusses fehlt der Abseitigen. Gelbe Iris und Kalmus stehen zur Sommerszeit am Uferrand, und die Kinder sammeln die herausgeschwemmten flachen Schalen der Teichmuscheln. Nachts jedoch ist hier ein unheimlicher Ort. Schon manchen Lebensmüden lockte der Tümpel zum ewigen Schlaf in seiner Tiefe. Waren es Irre oder Verzweifelte - immer suchten Fremde hier Erlösung, nie Einheimische. In der Mettennacht sieht man auf dem Wassergrund ein blaues Licht, um das Wellen in lebenden Ringen kreisen, manchmal eng, manchmal weit. Kommt gerade ein Sonntagskind mit einem Kräutlein vom Wurzbüschel vorbei, so kann es ein süßes trauriges Singen hören. Läutete dazu gerade die Mettenwandlungsglocke,

28) Vgl. auch Sage Nr. 11. In der Einleitung werden die historischen Umstände erwähnt.
 
dann steigt eine Wasserfrau aus dem Wasser mit bittend erhobenen Händen und bettelt um ein Weihzweiglein. Wenn das Menschenkind furchtlos sein Zweiglein reichen will, springt vom Appenberg herunter ein riesengroßer, schwarzer Hund mit gefletschten Zähnen, 29). Sofort versinkt die Wasserfrau klagend in der Tiefe.
Einmal passierte das einer jungen Frau, die von ihren Eltern in der Mettennacht Weihkräuter für das Vieh holte. Nur eine Minute früher - und die Verwunschene wäre erlöst gewesen. Der schwarze Teufeishund hat gerade im hundertsten Jahre keine Macht über die unerlöste Seele.
Ein andermal kam ein Nankendorfer Bauer zu Fuß von Bayreuth her, damals gab's ja noch keine Bahn, das Fußweglein von der Eichenmühle entlang an der Schatzlache vorbei. Den Erlös seines Ochsenverkaufs trug er in blanken Gulden in der Hosentasche. Als er die Lache passierte, lag breiter Vollmondschein im Tal. Wie flüssiges Gold brodelte plötzlich das Tümpelwasser, als ein Frauenkopf sich aus der Tiefe hob. Es war zufällig eine Sonnwendnacht. Der Mann stand wie gebannt, denn der Spuk, oder besser der Zauber der Lache, war ihm bekannt.

In flehentlicher Klage sang der Wassergeist: "Wie drückt mich meine Schuld, wie meine Sünd! Erlös' mich und mein ungetauftes Kind!" Nur umgehende Tat konnte helfen, das wußte der Mann, weshalb er sofort hinüberrief: "Einen Gulden geh' ich für heilige Mess', daß Gott eurer Seele nit vergeßt".

Nun schien die Hölle los zu werden. Von den jenseitigen Höhen brüllten tausend Teufelsstimmen, während aus dem goldnen Lachwasser ein unirdischer Jubel sich emporschwang. Als sich endlich der Bauer von seiner Verzauberung losriß, brachen aus dem Buschdickicht zwei wilde Gesellen hervor, die in wilder Flucht davonstürzten. Es waren zwei Aufpasser, die von dem Ochsenverkauf des Bauern wußten und ihm das Geld sicher mit Gewalt rauben wollten, denn zwei Prügel ließen sie fallen. Seine Guttat hatte dem Manne das Leben gerettet; zudem heißt es von ihm, daß er sein Leben lang nur Glück hatte.

16. Sage vom Doktorsturz

Draußen am "Alten Weg", 30 an der Straße zwischen Kaupersberg und Breitenlesau, ist der Doktorsturz, eine rasche Steigung in der Straßenkurve. Hier soll ein Arzt, der beritten die Kranken besuchte, tödlich gestürzt sein. Sein Pferd hatte vor einem grauen Männlein am Wegrand gescheut und seinen Reiter abgeworfen.
Einmal gingen zwei Burschen nachts von Dörnhof durch den Wald heimwärts. Beim überqueren der Straße zum jenseitigen Fußweg hörten sie plötzlich den Hufschlag eines Pferdes, und schon geschah der Unfall.

29) Der große Hund begegnet oft auf Kreuzwegen und sehr häufig an alten Grenzen. Auch hier verläuft die Grenze zwischen den Kreisen Bayreuth und Ebermannstadt. -Vgl. Löhlitzer Sagen, S. 135. - Manchmal begleitet der schwarze Hund die Drei Fräulein«. - Vgl. auch Sage Nr. 17 und Anm. 32. - Vgl. L e i s t n e r, Armin: Alte Grenzsteine im Coburger Land. In: Jb. d. Coburger Landesstiftung, 1969, S. 217 ff.
30) Am alten Weg geistert auch der Hickauf. Vgl. Anm. 43.

Nun getrauten sie sich aber wegen des grauen Männleins nicht zum Gestürzten. So schnell sie konnten, liefen sie nach Kaupersberg, Hilfe zu holen. Als sie mit den Helfern zur Unfallstelle kamen, waren Roß, Reiter und Männlein verschwunden. Niemals kam der Arzt mehr heim. Da war man sich rasch einig, daß der Teufel sich hier eine ihm verschriebene Seele geholt hatte. An den Jährungen des Unfalltages will man dort zur mitternächtlichen Stunde zwei schwarze Hunde, 31) gesehen haben, die die Vorübergehenden nicht von der Stelle ließen. Betete man aber, so hörte man aus dem Dunkel einen Pfiff, worauf die Hunde verschwanden.

Eine andere Sage erzählt: Drei Kaupersberger junge Leute gingen von der Breitenlesauer Kirchweih heim. Am Sturz angekommen, hörten sie jemanden niesen. Unwillkürlich sagte der eine Bursche: "Helf Gott" Wieder nieste das unsichtbare Wesen, worauf der andre Bursche "Helf Gott" rief. Als es aber wieder aus dem Gebüsch nieste, sagte der dritte Bursche in jugendlichem lobermute: "Wenn dir Gott nicht helfen kann, dann soll's der Teufel tun." Nun fing der Unsichtbare jämmerlich an zu weinen und klagte laut: "Hättest du zum dritten Mal Helf Gott gesagt, wäre ich erlöst gewesen von meiner Schuld. Nun muß ich wieder so lange warten, bis einer zu mir dreimal Helf Gott sagt. Aber zu dessen Wiegenbretter ist noch nicht einmal der Baumsamen aufgegangen. Du wärst der richtige derzeitige Erlöser gewesen!" Und ein tiefes Seufzen verlor sich im Gebüsch. Traurig gingen die jungen Männer heim.

31) Vgl. Anm. 29 u. 32.
 
17. Kaupersberger Sagen

a) Bei der "Sultafel" (von "Sal" oder auch "Sul" = Zoll kommend, 32) überquert ein Fußweg die Straße nach Breitenlesau. Diese Kreuzwegstelle ist eine nächtliche Bannstelle für böse Menschen, besonders wenn sie Arges vorhaben. Ein unheimliches Wesen stellt sich in den Weg mit drohenden Gebärden. Den guten Leuten aber folgt der unheimliche Begleiter ein Wegstück als Beschützer.

32) »Zolltafel«, meist nur noch als Flurname überliefert, bezeichnet eine Altstraße an einer Grenze, hier die alte bambergische Grenze im Bereich Plankenfels-Plankenstein-Schnakenwöhr-Altneuwirtshaus-Neuwirtshaus, -Ringau-Neuwelt (alles Grenznamen). Ganz ähnlich ist die Situation an der Zolltafel bei Kleetzhöfe, hoch oben am Alb-rand über der Limmersdorfer Mulde (Kreis Kulmbach). Dort befinden sich die karolingischen Reihengräber (vgl. Hundt, Max: Das karoling. Reihengräberfeld Felkendorf-Kleetzhöfe. Kulmbach 1952 [ = Die Plassenburg, Bd. 6, und zwei Altstraßen kreuzen sich. Die eine kommt von Süden (Gößweinstein-Tüchersfeld-östlich Waischenfeld- östlich Nankendorf - Plankenstein-Schönfeld-Alladorf (mit karoling. Reihengräbern)- Trumsdorf- Kleetzhöfe) und führt weiter nordwärts (über Neuwirtshaus!) weiter in Richtung Kulmbach. Die andere Altstraße kommt von Westen (Bamberg-Königsfeld-Krögelstein [mit Schnakenwöhr]-Wonsees [mit karolingischen Funden- Großenhül- Kleetzhöfe) und führte westwärts über Felkendorf-Muckenreuth (dort ein altes Zollhaus«)-Pechgraben-Harsdorf (mit karolingischen Funden und vermutlich Patrozinium St. Martin). Vgl. E d e l m an n , Hans: Oberfränkische Altstraßen. Kulmbach 1955 (=Die Plassenburg, Bd. 8), worin auch S. 42 eine Zolltafel an der Altstraße Kauerndorf- Ludwigschorgast nachgewiesen wird.
 
Ein Nankendorfer frommer Schneider ging oft diesen Weg nach Schressendorf oder in die andern Bergdörfer, wenn er seinen Störgang abkürzen wollte. In einer Hand hielt er seinen Stock mit dem Handwerkszeugsbündel über der Achsel, die andre hielt den Rosenkranz in der Tasche. Sobald der Schneider die Eiergasse hinter sich hatte, kam bei der "Kleinen Linde" am Fuße des Berges ein s c h w a r z er H u n d , der sich still zu ihm gesellte. Bei der "Sultafel" verschwand er, 33). Nun wurde der Schneider an einem Samstag zur spätnächtlichen Stunde von zwei wilden Kerlen angefallen, die es auf seinen kargen Lohn abgesehen hatten. Plötzlich stand der H u n d bei seinem Schützling, fletschte die Zähne, die Augen sprühten und der Geifer troff von seinem Maul. Wie gelähmt standen die Angreifer und sahen Schneider und Hund ruhig die "Mähn" hinabgehen in der mondhellen Nacht, 34). Erst jetzt fuhr die grausige Furcht in die Räuber. Wie gejagt liefen sie heim. In ihrem Schreck erzählten sie, daß ihnen auf der Breitenlesauer Straße der Leibhaftige begegnet sei. Damit hatten sie sich verraten.

b) Einmal ging ein arger Wucherer, der die Not des Nächsten zu seinem Gewinn mißbrauchte, bei Einbruch der Dämmerung von Nankendorf heimzu. Wohin, ist nicht bekannt. Am Halfter führte er die letzte Kuh einer armen Witwe, deren Mann durch einen Holzunfall nach langem Siechtum gestorben war. Die kinderreiche Familie war dadurch sehr in Not geraten. Ein Stück Vieh ums andre mußte die Frau verkaufen, um die Kinder ernähren zu können. Wohl lieh ' ihr der Wucherer zunächst Geld, aber zu unvorstellbar hohem Zins. Am Zahltag band der Hartherzige die letzte Kuh los, um sie mitzunehmen. Kinder und Frau baten den Geizhals um Barmherzigkeit, auch die Nachbarschaft lief zusammen und redete auf den Mann ein. ja, man erbot sich, für die Schuld selber ein Unterpfand zu geben für die weitere Stundung. Doch vergeblich! Mit der Kuh stapfte er zum Hof hinaus. Schimpfreden und Steine flogen ihm nach, aber unbeirrt ging er weiter.

Um den Umweg der Straße abzukürzen, ging er über den "Stacher Berg". Gerade schob sich der Mond hinter der "Wacht" hervor, ein guter Wegweiser. Wie er die "Mähn" hinaufging, die im Flutlicht des Mondes glockenhell vor ihm lag, fiel ihm gerade bei der Kreuzung die Spuksage von dem Unheimlichen ein. Dabei kam ihm das helle Lachen an ob solchen Aberglaubens. Da - eine himmellange Gestalt stand plötzlich mitten auf dem Kreuzweg. Ein weiter Flattermantel blähte sich im Wind. Die Kuh brüllte fürchterlich und zog mit aller Gewalt rückwärts, die Beine gespreizt. Dem Wucherer kam das kalte Grausen an, seine Füße waren wie gelähmt. Da riß sich das Vieh los und stürmte wild den Weg zurück.

Nun hob der Unheimliche die Hand zum Himmel und sprach ein furchtbares Urteil: "Hier steht dein Richter, du Unmensch! Ich bin der Witwe Rächer. All dein Wuchergeld soll den Bach hinablaufen, deine Kinder aber bettelarm wie die Armen im Dorf werden; ja, noch mehr: Du selber wirst bei ihr noch um ein Stücklein Brot betteln.'« - Verschwunden war alles.
 
33) In vielen Sagen mit dem schwarzen Hund« verschwindet das Tier genau an der alten Grenze. Vgl. Anm. 29.
34) Mähnleite: vermutlich richtiger Mähleite, Mähfeld, das ist ein Abhang, dessen Bewuchs abgeschwendet, abgebrannt wurde. Oder auch von "mähnen", d. h. das Zugvieh führen, vor allem beim Ackern.

Mit schlotternden Knien stolperte der Mann heimzu, wohin, das wußte er selber nicht mehr. Die Kuh kehrte wieder in ihren Stall zurück und als sie niemand mehr holte, war die Freude im Häuslein groß. Die Verheißung aber traf ein. Als Irrsinniger ging der Wucherer bettelnd durch die Dörfer. Eines Tages fanden ihn die Kaupersberger mit verdrehtem Genick tot am Kreuzweg liegen.

c) Als die Hussiten auch über unsere Berge und durch das Tal preschten, ward dem Kaupersberger Edlen Angst um Hab, Gut und Leut, 35). Auf der einsamen Höhe konnte ihm niemand beistehen. Da er ein frommer Mann war, wandte er sich an den Herrgott um Beistand. Zunächst wollte der kluge Mann selber alles tun, um den fremden Horden sein Gehöft zu verbergen. Die Schafherden durften nicht mehr an der Kleppern weiden und mußten wochenlang im Stall bleiben. Der Pflug ruhte wie die Axt, weder Lärm noch Mensch noch Rauch sollten das Gehöft verraten, denn man getraute sich nicht mehr den Herd zu heizen.

35) Edle von Kaupersberg sind dokumentarisch unbekannt.

Um die ganze Niederlassung türmte der Kauper mit seiner Sippe einen mächtigen Schlehdornwall. Die scharfen Hunde kamen ins Haus, damit ihr Gebell nicht die Sicherheit des Hofes gefährde. Den heiligen Drachentöter Georg beorderte der Bauer vom Herrgott als Wächter. In kindlich frommem Vertrauen versprach er, aus der schönsten Hoflinde ein lebensgroßes "Bildnus" mitsamt dem gefährlichen Lindwurm für die Nankendorfer Kirche schnitzen zu lassen.
Trotz aller Vorsicht erscholl eines Tages ein wüster Lärm von der Hofeinfuhr hinter dem Dörnerwall her. Lag Verrat dahinter? Wollte Sankt Görg nicht helfen? Vom Dachfenster aus sah der Edle von Kauper gerade, wie schreiende Reiter Feuer an den Dörnerhaufen legen wollten.

Doch nun geschah ein Wunder! Ein Ritter in feuriger Rüstung erschien auf schwarzem Roß, helles Feuer loderte aus seinem gezogenen Säbel. Schrecken kam unter die Feinde, so daß sie in wilder Flucht davonstoben. Einer der Reiter aber wurde von den Rossen zertrampelt. Man begrub ihn bei der Linde am Kreuzweg. Und das soll der Unheimliche sein, der die Bösen verfolgt, die Guten beschützt. Seit der Zeit geht's dort um.

18. Wie die drei Kaupersberger Jungbauern ihre Bauplätze fanden

Als das Geschlecht der ururalten Kauper in den Wirren des Dreißigjährigen Kriegs erlosch, kauften drei Nankendorfer Jungbauern Friedrich, Neuner und Kundmann den ganzen Besitz vom Bamberger Bischof um 700 fl. Eine Urkunde berichtet davon und bezeichnet das Gehöft als "öd und verlassen". Der Verkäufer hatte erlaubt, statt des einen Wohnsitzes drei Gehöftanlagen zu errichten.

Nun kamen die guten Freunde in Streit um ihre Bauplätze. jeder dachte, der andre könnte eine vorteilhaftere Lage für seine Niederlassung finden. Das war nun sehr betrüblich, nachdem sie schon monatelang in nachbarlicher Hilfsbereitschaft gemeinsam Steine gebrochen, Bauholz geschlagen und Sand gegraben hatten. Täglich waren sie aus ihren Elternhäusern von Nankendorf heraufgekommen mit ihren Frauen und dem Gesinde. Und nun wurden sie einander todfeind. Jeder schaffte verbissen für sich allein in mühevollein Werken.
Nun kam einmal ein Händler auf die Gehöftruine. Dem fielen die mürrischen, schweigsamen Männer auf. Nach der Ursache gefragt, versprach er, helfen zu können, damit jeder mit seinem Siedelplatz zufrieden sei und so, daß sie sich niemals Vorwürfe machen könnten. Zaudernd und doch hoffend baten sie um seinen Schiedsspruch.

"Holt mir die Kopftücher eurer Frauen" befahl er. Diese bündelten gerade die Hackspäne zusammen. Nun band der Mann den drei Jungbauern die Augen zu, drehte jeden einigemal um sich selbst und rief "Los!" Jeder ging nun nach einer andern Stelle weg, bis der Schiedsrichter "halt" rief. Nun nahm er ihnen die Binde von den Augen und erklärte, daß jetzt jeder an seinem selbstgewählten Bauplatz sei und war verschwunden.
Da fiel es den Bauern wie Schuppen von den Augen, denn sie erkannten in dem Fremden die lebendig gewordene Figur des hl. Jakobus aus der Kirche von Nankendorf 36). Somit sahen sie in dem Vorgang ein Gottesgericht und gelobten, niemals mehr einen Streit aufkommen zu lassen und getreulich zusammenzuhalten.

36) Da die Sage nach dem Dreißigjährigen Krieg spielt, zeigt sich aus dem Vorkommen des hl. Jakobus, welche Bedeutung das zweite Patrozinium der Nankendorfer Kirche in der Neuzeit gewonnen hatte. Kaupersberg liegt an der alten Straße, die von Breitenlesau herkommt, und St. Jakob ist der Heilige, der Altstraßen anzeigt.
 
19. Der Herchertsbaam

Sein Name soll auf eine wunderbare Begebenheit zurückgeben. Als der Edle von Kaupersberg nodi Alleinherr auf der Ansiedlung war, hatte er viele Gespanne; die schönsten Ackergäule und die stärksten Ochsen standen in seinen Ställen. Bei den Holzfuhren oder bei der Ernte war stets eine kleine Kolonne von vier bis fünf Fuhrwerken unterwegs. Den ersten Wagen führte der Herr selber.
Als man einmal bei der Korneinfuhr den letzten Wagen geseilt hatte, brach mit Urgewalt ein furchtbares Gewitter los. Man hatte sein Nahen hinter den großen Wäldern spät bemerkt. Blitze jagten durch die Luft, Donner krachten. Da zischte ein Blitz durch die Wolken, dem ein gräßliches Donnerpeitschen folgte, das die Zugtiere schreckte. Wie wild sausten sie mit dem hochbeladenen Erntewagen davon. Da half kein Zuruf, kein Zerren am Zügel. Wer sich nicht fallen ließ, wurde mitgeschleift. Alles schien verloren. Das Hagelgeprassel machte die Tiere noch scheuer. Da schrie der Kauper in seiner Not: "Herrgott hilf" Und was geschah? Vor den dahinstürmenden Tieren schlug ein entsetzlicher Feuerstrahl mitten auf der Flur in einen alleinstehenden Baum, daß dieser wie eine Feuersäule stand. Wie gebannt blieben die Tiere stehen, mitten im Rasen schwitzend und zitternd. jeder Knecht konnte wieder die Zügel fassen und die Tiere beruhigen. Doch was war das? Das Feuer stand um den Baum ohne Hitze und Schwelen, wie eine Woge aus Stein. Knecht und Herr fielen auf die Knie und starrten auf das Wunder. Als endlich das scheinbare Feuer erlosch, stand der Baum unversehrt. Der Bauer ließ daran ein Bild anbringen, manche sagen: ein Kreuz. Von da ab nannte man den Baum den Herrgottsbaum = "Herchertsbaam".

20. Neunerhaidsagen

Gerade die festgefügten Einödhöfe sind von ihrem Sagenkreis umwoben. Man lebte im Gang der Jahreszeiten. Natur und Getier waren Lebensgenossen. Besonders im Winter lag man abgeschlossen von den Dörfern.
Wen wundert es, wenn in den langen Winterabenden das Raunen um vergangene Zeiten und Dinge erwachte. Herrla und Fraala, 37) wußten so viel von Dingen zwischen Himmel und Erde zu erzählen. Vom "Würtendkehr", von den Hexen und Untieren, vom Hausfreund Pöpl. Zur alten bekannten Mär wuchsen Ausmalungen. Die Geheimnisse der Zwölf Nächte, die Novemberstürme, die Weiwasnacht (= Walpurgisnacht) hatten ihren Bannkreis um die Stätten der Einsamkeit gezogen.

Ein Neunerhaider holte sich im Kaupersberger Wald nachts Werkholz. Der ledige Bruder half. Ob der Sturm das Holz knickte oder es tat einem Kleinbauern Nutzen, das blieb sich gleich. Da hörten die beiden plötzlich über sich ein Rumpeln und Sausen. Erschrocken duckten sie sich, denn ein feuriger Wiesbaum schnarrte über sie weg gegen die Neunerhaid. Und schon schlug eine Feuergarbe aus dem Schlot. Gleich mußte das hellichte Feuer aus dem Dach schlagen.
Die Männer ließen alles liegen und liefen keuchend heim. Als sie schwitzend und atemlos das Gehöft vor sich liegen sahen, lag alles in Schlaf und Frieden. Auf Befragen sagte die Bäuerin, daß nichts gewesen sei, bloß die Viecher hätten gestampft und die Ketten hätten geklirrt. Sie setzte aber dazu: "Wenn ich nicht geträumt habe". Am nächsten Morgen gaben die Kühe keine Milch, die Euter waren leer. "Das haben bloß die Sapramixhexen getan", war die Erkenntnis, 39). Da nun dies schon öfter vorgekommen, wußte man jetzt die Ursache.

"Und gegen die Luder hilft halt kein Hund, ja die fürchten sich selber und winseln in der Hütte." Nun ging der Bauer zu einem Mann, der "anfangen" konnte. Der wußte Rat. Zunächst mußten an der Stalltüre mit der Judaskohle vom Karsamstagsfeuer drei Hexenkreuze (X X X) gemalt werden, auf alle Fenstersinise kamen Stachelbeerdörner und vor die Stalltüre Schaufel und Mistgabel überkreuz gelegt. Die Räucherwürste im Rauchfang müssen durch Wurzbüschel-

37) Großeltern: mundartlich Herrla und Fraala«.
38) Hexensagen vgl. auch Sagen Nr. 2, 21 und 40. - R ö h r i c h, Lutz: Die deutsche Volkssage. In: P e t z o l d, Leander (Hrsg.): Vergleichende Sagenforschung, S. 231 (vgl. Anm. 6): über Hexensagen (mit Literatur).

-kräuter ersetzt werden. In der Weiwasnacht bannt das die Hexen auf ein Jahr vom Haus weg und tut ihnen Schaden. Da nun die Zeit nahe war, befolgte der Neunerhaider den Rat mit Inbrunst und Gründlichkeit. Ein wenig Neugierde schob sich auch dazu. Die Nacht blieb ungestört, nur die Hunde, die scharfen, heulten.

Am nächsten Morgen, als der Bauer die Türe aufsperrte, standen zwei Frauen aus dem Nachbarort - aus welchem, ist nicht bekannt - mit verkratzten Gesichtern, verbrannten Händen und versengten Haaren vor ihm. Heulend gestanden sie, daß ihre Verletzungen von dem Anwehrzauber kämen. Die Haare wären im Schlot versengt und über die kreuzweis gelegten Geräte wären sie gestolpert und hätten sich die Beine verletzt. Nur durch ein offenes Geständnis und das Verzeihen ihrer Untaten seitens des Bauern käme Heilung ihrer Verletzungen, sonst müßten sie ewig gekennzeichnet als "Raafhexen" herumlaufen.

Natürlich hatte der Einödhof auch seinen Hausgeist, den Pöpl, 39). Der trätzte Mensch und Vieh und Hund - aber nicht böswillig, sondern um ihnen das Geblüt "im Laaf zu derhalten". Der Pöpl schleppte den Freßtopf so weit weg, daß die Tiere ihn nicht erreichen konnten, oder er legte vor die Hütte einen Knochen, ebenfalls außer Reichweite. über solchen Schabernack ärgerte man sich nicht, ja man lachte dazu, denn jeder Arger hätte den Pöpl noch mehr gereizt. überallhin konnte der Pöpl Zugang haben, nur was aus der Luft kam, war gegen seine Macht gefeit. Das machte ihn mächtig grantig.

Nun kam einmal nachts ein häßlicher "Kroher" (= Krähe) mit zerzaustern Gefieder angeflattert und ließ sich auf dem Hausgiebel nieder. Die Hunde tobten, doch die Haider schliefen unbesorgt weiter, weil sie Hund und Pöpl als Nachtwächter schätzten. Bloß der alte Herrla konnte vor Reißen in den Gliedern nicht schlafen, der fühlte den Spuk. Der Lärm lockte ihn ans Fenster. Da sah er im Mondschein den Kroher gerade zum Stubenfenster herabfliegen, aus dem Schnabel hing ihm eine lange, dünne Feuerzunge. Immer, wenn er zum Einflug ansetzte - das Fenster stand offen -, machte er schreiend kehrt und flog wieder aufs Dach. Auf den Fenstersimsen lagen nämlich allerlei Zweiglein, auch vor den geschlossenen Fenstern. Da lachte plötzlich drüben im Nußbaum der Pöpl laut auf. Wie eine Geiß meckerte er. Als der Pöpl den Herrla sah, befahl er ihm, zurückzugehen, "denn des is bluß der Urigel, der was Unguts im Haus anstellen will. Aber der konn nex machen, dem hob ich an Riegel vorgschobn. Auf jed's Fenster hab i an Dadalier (Teufelsabbiß) vom Wurzbüschel gelegt, dodran verbrennt er sich die Haxn - drüm is er so wüti.

Wie nun der Kroher den Grund seiner Ohnmacht vernahm, war er rasend vor Arger. "Da ließ er mit forterischem (= fürchterlichem) Geschrei etwas fallen und flog ab. Des Zeug hat gestunken wie der Teifl selber."
Die Hunde krochen in die Hütte und schnaubten, der Herrla hat schnell über den Teufelsdreck den "Hoofn" geschüttet (Salva venia!). Dann war Ruhe im Gehöft. Noch bevor am Morgen die Leute aufstanden, hat der Herrla mit einer Klafterschleiße das Zeug angezündet, das mit einem Mordsknall im Boden versunken ist.

39) Vgl. Anm. 24.

21. Hexen am roten Weg

In einer stillen Nacht gingen drei Nankendorfer Burschen von der Breitenlesauer Musik heim. Als sie beim R o t e n Weg waren, 40), kamen von der Neunerhaid her glühende Erbsbüschel geflogen. Wie da die Burschen erschraken, sie wußten, daß es Hexen waren. Gebannt blieben sie beim Markstein "B B" stehen. als plötzlich ein kleines graues Männlein neben ihnen erschien. Das befahl ihnen, sich schnell hinter die Büsche zu hecken, weil sich die Teufelsbräute anstelle ihres schwarzen Hörnerbräutigams, den sie durch ihren Musikbesuch verpaßt hätten, einen menschlichen Begleiter suchten. "Die zerren euch auf ihre Büschel und reiten mit euch zum Hexenberg."
Und wirklich hatten sie die Burschen trotz allem "derschmeckt" und kamen schnurstracks auf sie zugebraust. Zum Glück hielt sie das Männlein gebannt, fürchterlich guckte es die Hexen an, daß sie heulend davonpreschten. Und weil sie verkehrt auf ihren Büscheln saßen, erkannte man im Mondenschein ganz deutlich ihre Gesichter. Weil da die jungen Leute nicht erschraken. Es waren Tänzerinnen, die mit ihnen auf der Musik waren.

40) Der Rote Weg" ist wiederum ein Grenzname als Hinweis auf Altstraße und Grenze im Bereich von Breitenlesau. Vgl. Sage Nr. 27.
 
22. Noch etwas vom Pöpl

In den langen Winternächten vertrieb sich der Pöpl seine Langeweile durch allerlei Neckereien. In allen Räumen tickten die Uhren überlaut - auch wenn keine Uhr dort war -, da tickelte und tackelte es an allen Ecken und Enden. Lachten die Haider dazu, wurde es sofort still, protzelten sie aber über den Unfug, wuchs das Getickel zur unerträglichen Nervenprobe. Mitten in der Nacht sägte der Geist Holz oder er schnitt Häcksel auf der Futtermaschine. Lobte man ihn, waren die Stämme nächsten Morgen richtig zersägt und das Futter auf eine Woche vorgeschnitten. Wehe, wenn man endlich Ruhe befahl. Da konnte man am Morgen Leerarbeit finden, oder das Holz lag in allen möglichen und unmöglichen Längen zersägt, während das Futter Fransenzeug war.

Einmal war in einer Winternacht ein Marder in den Taubenschlag gekommen. Wild flatterten die erschrockenen Tiere davon. Schnell waren Bauer und Knecht beim Schlag, und schon warf ihnen der Pöpl den Eindringling entgegen, einfach erdrosselt. Als der Bauer den Pöpl darob lobte, verschwand der weinend, denn er durfte ja keinem Tier ein Leid antun. Die Bug- und Neunerhaidleute hielten treue Freundschaft. Sie betitelten sich als "Nachbar", wenngleich ihre Höfe eine halbe Stunde auseinander waren.

Wenn sie im Winter durch Schneewehen vom Dorf abgeschnitten waren, dann gingen sie zueinander "ins Dorf" zum Spinnen, die Männer zum Schnitzen, Werkeln oder Karten und nicht zuletzt zum Erzählen. Was ist da ganz selbstverständlich gewesen, daß auch die beiden Hauspöpl gut Freund waren. Beim Heimgang begleitete der Haider seine Gäste bis zum Palmgrund, wo schon der Bugpöpl auf seine Leute wartete. Und so auch umgekehrt. Beim Zusammentreffen begrüßten sich die Pöpl auf ihre Art durch Niesen oder Meckern, daß die Käuzchen schrien. Aber wehe, wenn der Pöpl auf dem Rückweg nicht genau in seine alten Spuren im Schnee trat, dann verlor er auf eine Zeit das Haus- und Neckrecht.
 
23. Bugsagen

Das Bug ist der zweitälteste Einödhof der Gemeinde gewesen. Seinen Namen hat es nicht von der Buche, sondern von seiner Lage. Um das Bug kreist der Sonnenschein vom Morgen bis zum Sonnenuntergang. Die meisten Bugsagen weiß ich von der alten Schnöterslies, die sie mir beim Grasen da hinten im stillen Winkel erzählte.
"Mei alten Leut (es waren Dörfler hinten in der Eiergasse am Bergaufgang zum Buggehöft) sind im Winter gern ein paarmal in der Woche, im Sommer aber am Feierabend, zu den Bugleuten ins Dorf gegangen, besonders mein Herrla. Mandimal hat er aufs Heimgehen vergessen vor lauter Waafen. Die Bugfrau spann den feinsten Flachs und die zartesten Wollfaden. Der Bugmann aber war ein Meister im Schnitzen von Haushalts- und Werkgeräten. Dabei wurde erzählt und Spasseteln gemacht. Mein Herrla hat sich meist was mitgenommen zum Richten, was ihm nicht von der Hand ging, weil ihm da der Nachbar half.

Einmal ist's auch spät geworden, denn als der Herrla den Graben runtergeht, schlägt gerade die Turmuhr Mitternacht. Auf einmal sind ein Haufen Erbsenbüschel um ihn herumflogen. Des war dem Herrla zum Lachen, weil er das Fürchten nicht kannte. Er wußte schon, wer ihn tratzen wollte. Gleich setzte er sich an den Rain bei der Glanzfeldwiese und legte wie in Spielerei sechs Astzweiglein zu drei Kreuzen zusammen. Und richtig kam schon der Bugpöpl dahergeschattet, kicherte und deutete auf die drei Kreuzlein und sagte: "Gegen mich brauchst du keine Abwehr, aber wenn du dich gefürchtet hättest, hätt ich dir Beine gemacht. Ich muß dir bloß noch was ans Herz legen: Von der Welt kann ich nicht leiden, daß zu so lang im Haus rumhockst. Meine Leut müssen früh eher aus dem Bett wie ihr Knütscher, weil bei uns die Sonne früher aufgeht droben. Durch dein Hocken versäumen meine Leute den Schlaf." Dann hat er dem Herrla an Fitzer geben mit einem Rütlein und verschwand.
 
24. Unkensage vom Bug

Eine arme Häuslerin vom Dorf graste am Bugrain für ihre Geißen Futter. Dagegen half sie den Bugern wieder bei der Ernte. Das Kleinkind der Frau saß auf dem grünen Tuch und spielte mit Steinchen. Dazwischen nudelte es an dem Fläschchen. Nun hörte die Frau ihr Kind allein sprechen: "Om saufn (oben saufen = trinken)!" Voll Schreck sieht die Mutter, wie das Kind sein blechernes Milchfläschchen einer großen Schlange zum Schnullen hinhält. Die Frau fuhr mit einem Schreckruf hoch, worauf die Schlange im Gras verschwand.

Als die Frau daheim ihrer alten gelähmten Schwiegermutter von dem Vorfall erzählte, war die sehr erstaunt, nicht erschrocken. Sie beruhigte die junge Frau mit dem Hinweis, daß Ottern kleinen Kindern nichts tun. Da Schlangen die Milch gerne schlürfen, betteln sie eben bei Gelegenheit wie heute. Ist das Kind nicht furchtsam und reicht die Flasche, dann bedeutet das für das Kind ein großes Glück im Leben.

Als sich am nächsten Tag das gleiche wiederholte, beobachtete die Mutter unter ihrem gebeugten Arm hinweg Kind und Otter. Die Kleine nahm den Schnuller von der Flasche und schüttete den Milchrest aufs Tuch. Gierig schleckte das Reptil. Dazu jauchzte das Kind hellauf, worauf die Schlange den Kopf schüttelte. Dabei rollte etwas Glänzendes aufs Tuch und schon war sie im Gras verschwunden. Die Frau hob das Kleinod auf. Es war ein schwerer Goldring mit einem "Karfunkelstein".
 
25. Die Sage vom Heiligenholz, 41)

Gegenüber vom Bug über dem Weg drüben ist das Heilingholz. Früher gehörte es zum Besitz des Kaupersbergers und war ein prächtiger Wald mit ausnehmend starkem Stammholz. Ein Nachfahr des Kaupersbergers erkrankte sehr schwer, aussichtslos war seine Genesung. In seiner Not gelobte er der Kirche die zwölf schönsten Stämme für zwölf Apostelfiguren, die der Hollfelder Schnitzer fertigen sollte. Und siehe, der Bauer gesundete wider Erwarten. Aber da reute ihn der Verspruch. Er dachte: "Die zwölf Apostel haben ja gar keinen Platz in der steinalten Kirche, da langt schon einer. Ich verkauf einfach einen Dürrstanun und laß vom Erlös die alte Jakobsfigur42) vergolden und versilbern. Sonst hätten wir ja gar zwei Jakobe in der Kirche. Der Herrgott versteht schon meine Gesinnung. Und wer weiß, ob ich den Verspruch am Ende nicht gar im Fieber zusammenphantasiert habe?"

Als es dann so weit war und der Vergolder die Figur auffrischen wollte, nahm das Holz weder Farbe noch Lack noch Goldblättchen an. Da wurde dem Bauern schon etwas schummrig. Im Traum nachts erschien dem Betrüger der Kirchenheilige und sagte: "Ich hab noch elf Freunde, denen dein Versprechen galt. Allein mag ich auch nicht glänzen." Aber die Zurechtweisung erschütterte den Geizhals nicht. Er berief sich auf seinen guten Willen. Für die Ablehnung fühlte er sich nicht verantwortlich.

Im gleichen Jahre brauste im Hochsommer ein entsetzlicher Sturm über die Höhen. Das Unwetter richtete drüben im Stiftungswald großen Schaden an, denn man liest da 1665 von Splitter- und Spreißelholz und schwerem Baumbruch. Auch der Wald des Kauper bekam seinen Teil ab. Alle Stämme knickte der Sturm und zersplitterte sie zu Kleinholz. Nur zwölf Bäume standen frei und unbeschädigt inmitten der Verwüstung. Das war ein deutlicher Fingerzeig Gottes; denn das waren gerade die zwölf Apostelstämme. Der Volksmund taufte sie "die zwölf Heiling", woraus Heilingholz entstand.
 
41) Heiligenholz = ein Waldstück in Grenzlage. Vom Patrozinium St. Martin und St. Jakob kommt immer nur letzterer vor.

 
26. Um den Hühnerknock

Beim Hühnerknock schiebt sich der Buger Wald in die Kirchbergstraße, die nach Breitenlesau führt. An dieser Zweigstelle ist's auch nicht ganz geheuer. Einmal ist hier die Grenzscheide der sagenhaften Unheimlichen, also der feurigen Männer, der Grauzwerge, der Gehöftepöpl, der Hexen wie auch einer Wendestelle des Wütendkehrs, 43).

Da ging einmal der Nankendorfer Störschuster, der fast das ganze Jahr in den umliegenden Dörfern Störarbeit machte, was ihm Kost und Verdienst einbrachte, an einem Samstagabend in der Dunkelheit heimwärts. Immer hatte der einsame, fromme Mann einen seltenen Begleiter auf seinem Heimweg, ein feuriges Männlein. Sobald beide am Hühnerknock ankamen (der Schuster kam von Breitenlesau oder der Neunerhaid) und die Lichter aus den Fenstern heraufblickten, blieb der Feurige stehen, versperrte seinem Schützling den Weg und streckte lohn-. heischend seine Hand aus. In der einen Hand den Rosenkranz, reichte der Schuster mit der andern einen neuverdienten Groschen, aber auf einem Holzspan" den er stets in der Tasche von daheim mitnahm. Das Männlein griff nach dem Almosen und verschwand. Der Span jedoch ging immer in hellen Flammen auf. Viele Jahre ging das so zu; der Schuster wurde des Gebens nicht müde und wenn er selber nur wenige Groschen verdiente. Durch den Feuerschein gewarnt, machten alle Entgegenkommenden immer einen weiten Bogen um die zwei nächtlichen Wanderer. Wer aber etwas Schlechtes im Sinne führte, der nahm Reißaus.

Nun machte einmal der Schuster auf dem Heimweg von Siegritzberg einen Umweg über die Neunerhaid und das Bug, um Nachfrage nach Arbeit zu halten. Dabei wurde es spät. Das Männlein gesellte sich beim Palmgrundweg wieder zu ihm, wo es gewartet hatte. An der gewohnten Haltestelle heischte es wie immer seinen Dank. Doch, o weh, der Schuster hatte keinen Groschen in der Tasche, denn für seine Störarbeit ließ er sich Brot, Speck und Eier geben, statt Geld. Traurig und ratlos schaute er das Männlein an, das heute besonders arg in Flammen stand. Es wich nicht vom Platz. Da sagte der Schuster zögernd: "In der andern Woche kriegst deinen Lohn doppelt - für heute sag ich halt einstweilen viel Vergelt's Gott!" Wie schnell da das Männlein sagte: "Auf den Dank hab ich schon lange gewartet - nun bin ich erlöst -, heute war der Tag dafür" und verschwand und mit ihm der Feuerschein. Von dieser Zeit an hatte der Schuster keinen nächtlichen Beschützer mehr, aber niemals wurde er behelligt oder erschreckt.

27. Am Roten Weg, 44)

Auch hier ist's an der Zweigstelle der Wege Breitenlesau-Siegritzberg nicht geheuer und, wie schon einmal erwähnt, beim G r e n z s t e i n "B B".
 
43) Hier sind alle Sagenmotive aufgezählt, die auf die Altstraße und Grenzlage hinweisen. Nur der schwarze Hund" fehlt. Der Huckauf" kommt in Sage Nr. 27 vor.
44) Vgl. auch Sage Nr. 21, worin der Rote Weg« und der Grenzstein BB ebenfalls vorkommen.

Immer hockt da zur Geisterstunde ein schwarzes Männlein unterm Busch und schreckt die Leute entweder mit Geschrei oder durch ärgerliches Lachen, oder es bannt gar die Vorübergehenden bis zum letzten Mitternachtsschlag der Nankendorfer Turmuhr. Einmal ging ein Betrunkener heim, der in seiner Sucht schon Vieh und Ackerland versoffen hatte. Im Stall stand die letzte Kuh. Die Kinder hungerten und gingen in zerschlissenen Kleidern, die Frau hatte sich krank geärgert. Als der Betrunkene gerade am Grenzstein vorbeitorkelte, schwupps, saß das Männlein auf seinem Rücken, wand eine Hopfenrebe um des Mannes Hals und fitzte ihn mit einer Rute, 45). Dabei trieb es ihn gerade zu dem großen Wassertümpel, der fast das ganze Jahr an der tiefsten Wegstelle nicht austrocknet. Hier warf der kleine Schwarze den Rauschigen auf den Bauch und schrie: "Hast immer noch Durst?" Als der bejahte, bekam das Männlein einen unheimlichen Zorn und befahl: "jetzt säufst du mir die Lache aus bis auf den letzten Tropfen und wenn dir speiübel wird, du Rabenvater und Saufaus" So oft nun der schlappende Mann aufhören wollte zu trinken, stieß ihn der kleine Grobian immer wieder den Kopf in die Drecklache. Punkt zwölf Uhr war der Quälgeist verschwunden. Wie schnell da der Mann nüchtern war! Und die Kur tat ihm gut; er konnte kein Bier mehr riechen und keinen Fusel mehr schmecken. Er wurde ein fleißiger Schaffer und kam bald wieder zu Wohlstand.

In einer Allerseelennacht gingen zwei Nankendorfer von einem Leichentrunk heim. Plötzlich hüpften feurige Geister auf ihren Rücken und schlugen auf sie ein. Die Männer rannten, schwitzten und beteten, aber immer wieder standen sie am Grenzstein. Dabei kamen immer mehr der Quälgeister. Vor Schreck fielen die beiden auf den Boden, wo sie die Geisterchen weiter drangsalierten. Da kam dem einen Mann die hellichte Wut an, so daß er gottsjämmerlich zu fluchen anfing. Im Nu waren die Männlein verschwunden. Dieselbe Mär geht auch um den Stacherberg und das Scheiß-äckerlein (auch eine Flurgrenzstelle).

45) Der Huckauf kommt in vielerlei Varianten in Grenzsagen vor. Vgl. Anm. 43.
46) Linden standen oft als Gerichtsbäume an alten Grenzen oder an Kreuzwegen.

28. An der hohlen Linde

Geht man bei dem G r e n z s t e i n den Siegritzberger Weg hinaus, steht am Waldende eine uralte Linde. Klein ist ihr Wuchs, aber breit ausladend das Gezweige. Diese Linde wurde im Laufe der Zeit hohl. Ein Bild soll die Höhlung geborgen haben, das nun verwachsen sein soll.

An einem Sommersonntag hütete der Neunerhaider da in dein Waldgebiet seine Schafe. Plötzlich sanken die vorderen Tiere auf ihre Knie, dann die nachfolgenden, bis die ganze Herde mit hängenden Köpfen in dieser Lage verharrte. ja sogar seine zwei Hunde winselten und standen wie starr. Als der Haider endlich seine Schafe aufjagte, grasten sie an andrer Stelle. "Das muß doch eine Bewandtnis haben", dachte der Haider. Er kratzte am Baumstamm, da er von der Sage mit dem Bild wußte, aber nichts kam ans Tageslicht. Dann grub er mit dem Schäferschäufelchen das Moos auf - und was lag da? Unversehrtes "gewandeltes" Brot, weiße Hostien lagen da! Als der Mann seine Anbetung gemacht hatte, warf er etwas Moos über das Hostienhäuflein, überließ die Schafe seinen Hunden und lief nach Nankendorf, den Pfarrer zu benachrichtigen. Gerade war die Nachmittagsandacht beendet. Der Priester gab die Kunde von der Sache den Kirchenbesuchern weiter. In kleiner Prozession schloß sich die Gläubigenschar, teils aus Neugierde, teils voll heiligen Schauers, dem Pfarrer an. Als sie bei der Linde ankamen, lagen die Hostien in Reih und Glied ausgebreitet nebeneinander. In einem weißen Tuch brachte der Priester die Hostien vor die Kirche, wo er sie verbrannte.

Diese Sage deckt sich mit einer Aufzeichnung in einer uralten Pfarrechnung, wo von einem Kelchdiebstahl die Rede ist, mitsamt den Hostien. Wahrscheinlich vergruben die Diebe bei der Linde die Hostien. Mit dieser Entdeckung des Haiders fiel auch der Verdacht, ein Nankendorfer wäre der Dieb gewesen, auf fremdes Gesindel, das sich damals ja im weiten Lande herumtrieb. Nach andrer Erzählung, soll der Haider daraufhin erst ein Bild in der Linde angebracht haben. Dieselbe Hostiensage kreist auch um die zwei Martern am Zochenreuther Weg. Dort sollen zwei Diebe die in Waischenfeld geraubten Hostien vergraben haben.
 
29. Der Feurige,47)

Ein Siegritzberger hatte mit dem Schubkarren in der Nankendorfer Mühle einen Sack Kleie geholt, die er für seine Kälberkuh rasch brauchte. Als er beim G r e n z s t e i n ankam, war es so dunkel, daß er die Hand nicht mehr vor den Augen sah. In seiner Ratlosigkeit rief er mehr aus Galgenhumor als aus Verzweiflung: "Wenn's euch, ihr Feurigen gibt, dann leuchtet mir!" Kaum gesprochen, geisterte vor seinem Karren ein großer Feuermann, der den Weg bis zum Hause wies. In atemlosem Schreck folgte ihm der Karrenschieber, ließ aber dann vor dem Hofe Karren und Mann stehen und rannte ins Haus. Als er am nächsten Morgen den Sack hereinholen wollte, war er auf den Karren gebannt. Erst als der Bauer ein Meßopfer versprach, löste sich der Bann.
 
30. Im Merzengrund,48)

Eine junge Mutter hatte vor langer Zeit heimlich ihr Kind mit dem Kopfkissen erstickt, weil das Kleine sich täglich mehr zu einem "Bolch" (= Wechselbalg") entwickelte, mit Froschmaul, Schleimhaut, Glotzaugen und Häuten 7.wischen den Fingern. Die Frau ließ niemandem ihr Büblein sehen, denn sie wußte fest, daß das Kind vor der Taufe von einem Unheimlichen ausgetauscht wurde. Da der Mann seinem Fürsten Kriegsdienst leisten mußte, war die Frau mit dem Kind allein im Hause, bevor das Kind zur Taufe getragen wurde. Und das war immer schlimm.

47) Vgl. Sage 26, in der auch die feurigen Männer am Grenzstein vorkommen.
48) Vgl. Sage Nr. 15 und Anm. 29.

 Die Leute glaubten an einen natürlichen Tod des Kindes und machten sich keine Gedanken. Einmal war die Frau beim Grasen im Merzengrund vor Übermüdung eingeschlafen. Da erwachte sie erst zur nachtdunklen Zeit, als sie über sich ein wüstes Geschrei hörte. Schnell drehte sich die Erschrockene aufs Gesicht, um das W ü t e n d k e h r vorüberziehen zu lassen ohne Schaden zu nehmen. Wie sie nun ihren Korb heimtragen wollte, miaute neben ihr gar jämmerlich ein kleines Kätzchen, das der Troß verloren hatte. Die Frau hatte Mitleid mit dein Tier und nahm es auf den Arm. Da fing das Kätzchen an zu klagen: "0 wie süß, o wie warm sind doch meiner Mutter Arm." Und verschwunden war's. Entsetzt sprang die Frau auf und griff nach dem Entwichenen, denn es war ihr ermordetes Kind, das ja vor der Taufe verwechselt wurde und so ohne Taufe starb, nach dem Mord des Wechselbalgs. Deshalb wurde es ins Wilde Heer verbannt für Zeit und Ewigkeit. Von dem Tag an verfiel die Frau in Schwermut, zumal auch ihr Mann nicht mehr heimkehrte, so daß sie bald an Auszehrung starb.

In einer argen Sturmnacht wollte ein Breitenlesauer, der in Nankendorf Rast gemacht hatte, heim. Dabei verirrte er sich in der Dunkelheit und stand auf wegloser Flur zwischen Rotem Weg und Merzengrund. Plötzlich wurde er vom Wütenden Heer überrascht, das mit unheimlichem johlen von der Neunerheid hergebraust kam. Schnell warf er sich aufs Gesicht zu Boden, und die Meute raste über ihn durch die Lüfte hinweg. Nun glaubte er den Schreck überstanden zu haben, als da am Ende noch einer auf einer Jackelsau geritten kam. Der befahl dem Liegenden aufzustehen - aber der rührte sich nicht, eingedenk der Warnungen alter Leute. Nachdem aber der Bittsteller immer dringlicher bat, mit dem Versprechen, ihm nichts anzutun, er benötige seine Hilfe, richtete sich der Mann vorsichtig auf. jetzt brachte der Reiter seine Bitte vor: An seinem Wagen sei etwas zerbrochen, bis das Heer wieder zur Stelle käme, müßte es in Ordnung sein. Als der Mann aufstand, sah er ein schwarzes Ungetüm ohne Form, Gestalt und Antlitz auf feurigem Schwein, das an seinen Wagen gespannt war, Von dem war die "Langwieh" gebrochen. Rasch holte der Bauer vom Wegrand einige zähe Staudenzweige, wand sie umeinander, so daß sie stärker waren als ein Seil, und besserte den Schaden aus, so gut es ging. Die Schnitzspäne flogen nur so herum in der rasenden Eile. Als er fertig war, sagte der Unheimliche: "Steck die Späne ein!" Doch der Bauer dachte, daß er solches Zeug genug daheim herumliegen habe, steckte aber trotzdem ein paar ein. Als er heim kam, waren die Späne von purem Gold. Rasch lief er zur Unfallstelle, die andern zu holen, doch es lag nichts mehr da.

31. Das Fensterkalb

Einmal ging ein Bursche von seinem Brautbesuch heim nach Nankendorf. Damals war der Friedhof noch innerhalb der Wehrmauer - nur die Selbstmörderecke lag außerhalb dieser. Als der junge Mann am Friedhof vorbeiging, lief ihm ein schwarzes Kalb über den Weg, das ohne Kopf war. Der Mann stand wie gelähmt und schaute dem Untier nach. Da verschwand das Kalb hinter der Mauer.

Am nächsten Tag lag der Bursche krank vor Aufregung. Man holte den Büchenbacher Bader, der mehr als heilen konnte. Lange wellte der beim Kranken allein. Als er aus dem Zimmer kam, schwitzte er und erklärte, daß ihm solches noch nicht vorgekommen sei. Aber man brauche keine Angst zu haben. Niemand erfuhr aber die Tatsachen. Nur wurde der Bursch sehr ernst und verschwiegen. Nach seiner Gesundung erklärte er, daß er seine Braut nicht heiraten werde, da sie einen anderen Bräutigam habe, trotz aller Sanftmütigkeit. Es müsse erst die Weiwasnacht abgewartet werden. Nun wußten seine Leute, woran sie waren.

In der Walpurgisnacht, 49) verließ der Bursche sein Elternhaus und stellte sich auf einen Stein an der Friedhofsmauer mit dem Blick gegen Sonnenuntergang. Damit er besser in den Friedhof schauen konnte, kletterte er noch an der daneben stehenden Hollerstaude hoch, niemand konnte ihn selber sehen. Gerade kam die zunehmende Mondsichel aus dem jagenden Gewölke, als er auf einem Besen eine Hexe daher reiten sah mit den Gesichtszügen seiner Braut, die vor dem Grab, in dem das Kalb verschwunden war, haltmachte. Sofort rannte der Bursche zu den Eltern der Braut und erzählte von dem Spuk. Die betroffenen Eltern waren erbost und führten ihn ans Bett des schlafenden Mädchens. Aber die Schläferin war nicht wach zu bringen, wie tot lag sie da. Die Eltern weinten, aber dann legte der Bursche eine mitgebrachte Judaskohle unter das Kopfkissen und ging heim.

Um Mitternacht ging in der Wohnung des Mädchens ein Lärmen und lautes Weinen los. Das war die Seele des Mädels, die infolge der Weihkohle sich nach dem Teufelsritt nicht mehr mit dem todähnlichen Leib vereinigen konnte. Man holte den Geistlichen, der den Körper beschwor mit dem Exorzismussegen. Dabei fand man die Kohle. Sofort erwachte das Mädchen, war aber sehr müde und traurig. Als nun der Pfarrer den Exorzismus wiederholte, fuhr die Hexe mit Geschrei aus. Das Mädchen war aber wie gewandelt und ging in ein Kloster, um Buße zu tun. Von da ab traute sich kein Mensch mehr um Mitternacht am Friedhof vorbei, denn das kopflose Kalb trieb dort sein Unwesen. Es war die zornige Hexe. Von dem Kalb wird auch erzählt, daß es oft bei der Schmiede am Zweigweg vom Dorf zum Berg stand. Gern trieb sich das Unwesen vor den Häusern, in denen junge Mädchen waren, herum und schaute zum Fenster hinein. Meist passierte dann etwas, oder die Hexe suchte nach neuer Beute. Man hieß den Spuk "das Fensterkalb".

49) Vgl. Anm. 38 (Hexensagen).

32. Der Schafferleitenpöpl

Die kleine Felserhebung, die an den jetzigen Friedhof beim Leichenhaus grenzt, heißt Schafferleite. Dort saß oft ein raues Männlein, das der Pöpl vom Wagnerhaus war. Es war ein gutes Kerlchen, welches die Kinder in den Zwölfen mit Hutzeln und Haselnüssen beschenkte. Doch meist hielt sich der Geist in den Gebäuden des Schafgutes auf. Einmal sagte die Frau zur Magd; "Hol's Herrla zum Essen".

Die Magd fand den alten Mann im Schafstall, wo er eben den Tieren das Gelecke gab (= Mischung von Kleie und Salz). "Na", dachte die Magd, "das hab ich doch schon besorgt, vielleicht war's dem Herrla zuwenig!" Laut aber sagte sie: "Herrla, zum Essen" Als sie in die Stube kam, saß der Alte auf der Ofenbank und schnitzte einen Kochlöffel. Beim Essen erzählte die Magd lachend von den zwei Herrlan, aber niemand lachte mit oder wunderte sich darüber. Bloß nach Tisch erklärte die Frau, daß der vermeintliche Herrla im Stall der Pöpl war, der immer ungetane oder schlecht verrichtete Arbeit nachhole. Von da ab nahm sich die Magd Zeit, ihr Vieh richtig und ganz zu versorgen.
 
33. Vom Schmierbach und Hohlen- oder Hexenstein

Beim Eisweiher lief lange Zeit ein s c h w a r z e s H ü n d c h e n zu bestimmten Zeiten dauernd über den Weg zur unheimlichen Stunde, 50). Deswegen machten die Leute gern einen Umweg. Doch einmal ging ein Hausschlächter nachts des Weges, als ihm der Hund immer vor den Füßen herumlief, so daß er keinen Schritt gehen konnte. Und weil der Mann zu den Furchtlosen gehörte, schlug er mit einer Rute oder seinem Stock auf den Hund. Dabei flogen die Funken nur so von dem Pelz. Als es Mitternacht schlug, rief eine Stimme: "Hättest mich gestreichelt, wär ich erlöst gewesen, denn du wärst der Richtige gewesen." Am Hohlen Stein oder Hexenstein beim Eisweiher haben die armen Seelen ihren Bann- und Strafort. Als feurige Männlein, aber auch als große schwarze Männer, je nach der Schuldlast der Seele, schrecken sie die Leute und warteten auf ihren Erlöser. Neusig, eine kleine Ortschaft, eigentlich ein Weiler nahe der Zeubachquelle, gehört zum Landkreis Pegnitz, pfarrt nach Nankendorf, und die Kinder gehen von jeher zur Schule Nankendorf. Zwischen zwei großen Bergzügen liegt der Flecken. Diese Berge trennen das Zeubachtal vom Schmierbachgrund rechts und links vom Ailsbachtal. In Neusig beginnt bereits der Anstieg zur Neubürg.

50) Wieder der schwarze Hund"; vgl. Sage Nr. 17 und Anm 29, 32. - Auch hier handelt es sich um gemeindliche Flurgrenzen.

34. Vom Unwahrischen

Ob es von unwahr kommt? Ob's nicht "Urwarisch" heißen könnte? In einem Neusiger Haus, dem ältesten und wahrscheinlich dem ersten der Ansiedlung, war ein Unwahrischer, der aber lieber in der Scheune hauste. Gingen die Leute in der Adventszeit in aller Morgenfrühe zum Dreschen mit dem Flegel in die Scheune, warf ihnen der Unwahrische die Garben aus dem Barnet zu, so daß ihnen viel Zeit gewonnen wurde. Manchmal jedoch brachte der Schlimme alles durcheinander, Korn- und Gerstengarben, daß man mit dem Drusch aufhören mußte. Schimpfen durfte man nicht, sonst kam's noch schlimmer. Nachts trug er das Heu in den Strohbansen und umgekehrt. Manchmal tauschte er die Futtervorräte unter den Bauern aus, so daß ein Kleinbauer plötzlich Futter in Menge auf dem bereits leeren Balken hatte, während der Wohlhabende auf dem gelichteten Speicher stand. Deswegen gab's manchmal Hader und Streit, aber der Arme bekam recht. Den Gäulen flocht der Unheimliche die Mähne zu winzigen Zöpfen. Weil das kein Jammer für den Knecht am Morgen war! Als darob einmal ein Knecht nach dem Missetäter mit der Peitsche schlug, hatte er sofort seine Hände voll großer Wasserblasen.

An einem Herbstmorgen spannte der Bauer seine Ochsen ein eine Fuhre Mahlgetreide zur Mühle zu fahren. Da saß der Unwahrische auf einem Ochsen - dann sprang er auf den andern. Die Tiere zitterten und schwitzten und waren nicht von der Stelle zu bringen. Da rief der kluge Mann seine Frau um Rat. Diese sagte, er soll sofort wieder ausspannen, denn es liegt ein Unheil in der Luft, das der Schwarze verhüten wolle. Und wirklich, schon eine Stunde später ging ein Wolkenbruch im Zeubachtal nieder; das ganze Tal war ein wütender Strom. Bauer und Fuhrwerk wären verloren gewesen.

35. Der Lang-Pfarrer

Als ein Neusiger Bauer morgens zur Getreidemahd ging, sah er einen langen Streifen Korn mitten durch das Feld wie verbrannt. Ganz schwarz war das Getreide und roch nach Feuer. Der Bauer grübelte über das Vorkommnis, aber es hielt ihn nicht vom Mähen ab.
Beim nächtlichen Gebet flocht die Familie ein Vaterunser für die armen Seelen ein, denn man glaubte, der Brandstreifen hinge mit einer unerlösten Seele zusammen, die sich auf diese Art bemerkbar machen wollte. Nun ging der Bauer nochmals zum Brunnen im Hof. Dort saß auf dem Zisternenrand ein Pfarrer mit dem Gebetbuch in der Hand. Ein himmellanger Mensch war's in schwarzer Soutane. Der sprach den Bauern an: "Dein Vater nahm alljährlich dem Feldnachbarn ein Ackerbeet weg, denn kein Grenzstein zeigte den Besitz. In der Sterbestunde beichtete mir der Betrüger seine Missetat. Für diese muß er. nun in der Ewigkeit büßen, bis du sein Unrecht gutgemacht hast."

Der mutige Bauer fragte nach der Größe des Ackerdiebstahls. "Gerade so viel macht es aus, wie der Brandstreifen im Getreidefeld heute morgen", sagte der Lang-Pfarrer. Noch in derselben Stunde, trotz später Zeit, ging der Bauer zum Feldnachbarn, um des Vaters Unrecht gutzumachen, ohne Scham und voll Ehrlichkeit. Doch wie erstaunte der Bauer, als ihm sein Nachbar kundtat, daß der lange Pfarrer ein längst verstorbener Geistlicher aus seiner Verwandtschaft sei, der angetanes Unrecht gutmachen wolle, zum Nutzen der Übeltäter.
 
36. Vom Pfannenmännlein

In einem Neusiger Grasgarten sah man öfter nachts ein schwarzes Männlein sitzen, das ein Pfännlein mit langem Stiel und einen Rührlöffel in Händen hielt. Immer rührte es im Pfännlein, das über ein Feuer gehalten wurde. Das kam aus einem Wacholderbüschlein. Lange ging das so zu, bis endlich ein unerschrockener, alter Mann in der Adventszeit auf das Männlein zuging. In der einen Hand hatte er den Rosenkranz, in der andern ein scharfes Beil. Da stand das Männlein zornig auf und schüttete den Pfanneninhalt dem Alten ins Gesicht. Bis zum Tod trug er das Feuermal, aber der Spuk kehrte nicht wieder.
 
37. Die Grüne Marter

Diese steht am Neusiger Weg über Kugelau nach Zeubach. Einmal ging ein Neusiger Metzger, der in Waischenfeld hausgeschlachtet hatte, spät nachts heim. Sein scharfer Hund begleitete ihn. An einem Stock trug der Metzger sein Schlachtbündel mit Fleisch und Würsten. Da blieb der Hund stehen, witterte, winselte und stand mit gespreizten Beinen und gesträubtem Rückhaar.

Im Umdrehen erkannte der Mann, daß zwei Wölfe hinter ihm her schlichen. Das war ein Schreck! Der Mann empfahl seine Seele Gott. Doch da kam ihm ein Gedanke: Ob die Wölfe nicht der Fleischgeruch lockte? Rasch nahm er aus dem Bündel eine Wurst und ging rasch weiter. Das tat er immerzu, so lange die Würste reichten. Dann warf er große Fleischbrocken hin, um die sich die Verfolger rauften und bissen, was der Metzger mit noch rascherem Lauf ausnützte. Dabei war er zum Dorfeingang gekommen und gerettet. Das Raubzeug getraute sich doch nimmer näher, aber noch lange hörte man es heulen. Dort, wo er die erste Wurst warf, ließ der Mann eine Marter setzen, die man die grüne hieß, weil sie inmitten der Wiesen stand.

Eine andere Sage erzählt, daß dort, wo jetzt die Grüne Marter steht, früher Spukgeister umgingen. Zur mitternächtlichen Stunde warteten sie auf ihre Opfer. Entweder machten sie die Pferde scheu, so daß diese in wildem Galopp quer über Wiesen und Felder liefen, oder es zerbrachen die Räder, und wenn's nagelneue waren. Auf den Getreidewägen schnitten sie die Säcke auf oder auch die Säcke mit Brotmehl von der Mühle. Menschen führten sie irre, daß diese plötzlich mitten im Bach standen. Manchmal sah man dort einen Jäger ohne Kopf mit Roßfuß. Bald getraute sich niemand mehr nach Einbruch der Dunkelheit die Stelle zu passieren, weshalb man durch Errichtung eines Marterls dem Spuk ein Ende machte.
 
38. Der letzte Wolf in Schöchleins

Bei der alten Schöchleinsmühle entspringt die Zeubach, direkt am Fuße der Neubürg, nicht weit von Neusig entfernt.
Etwa um 1920 erzählte mir eine alte Frau, daß ihr Schwiegervater den letzten Wolf der Gegend gesehen habe, allerdings tot. Der Schöchleinsmüller ging zur Heumahdzeit morgens drei Uhr mit der Sense zur Wiese den Waldrand entlang. Der untergehende Mond warf sein fahles Licht durch die Bäume. Da war dem Müller, als schliche neben ihm ein unheimlicher Schatten. Da er meinte, es wäre sein Hofhund, schimpfte er. Doch der graue Hund tat so fremd und scheu, ja, er gurgelte so böse aus der Kehle. Nun erst gewahrte der Mann, daß es ein hungriger Wolf war. Raschen Schrittes verließ der mutige Mäher den Wald, der Wolf hinter ihm her, in schlimmer Absicht. jetzt stellte sich der Müller dem Raubtier mit weit ausholender Sense. Gerade als ihn das Tier anspringen wollte, tat der Mann einen gewaltigen Hieb und trennte dem Tier den Kopf vom Rumpf. Da es am Neusiger Dorfrand war, weckte er die Leute, um ihnen das Untier zu zeigen. Lange hob der Müller den Wolfsbalg in seiner Stube auf, denn auf diese Kunde hin kamen viele Leute, das Fell zu sehen. Das war der letzte Wolf in unserer Gegend.

39. Das Kreuzgeld

Ein junger Bauer wanderte aus, nach Amerika, da man dort schnell reich werden konnte. Vorher verkaufte er noch verschiedenen Hausrat, den er bis zuletzt immer noch gebraucht hatte. Da kam ihm auch das schöne alte Hofkreuz in die Augen. Mit der Auswanderung hatte es seinen Wert für den Hof und für ihn verloren, dachte er.

Und wirklich, es fand sich ein Käufer für das kunstlose, aber uralte Hofkreuz. Nach langem Handeln kam man überein. 29 Batzen war der Erlös. Über diese unerwartete Einnahme war der junge Mann ganz aus dem Häuschen und prahlte ganz dumm darüber im Wirtshaus-. "Ich war billiger mit meinem Herrgott, der Judas bekam 30 Silberlinge. Ich war mit 29 zufrieden." Alle Gäste schwiegen zu dein frevelhaften Geprahle.

Als der Mann ausgewandert war, brannte alle Nacht am leeren Kreuzplatz im verlassenen Hof ein blaues Licht, aber nur zur Mitternachtsstunde, an allen Freitagen. Niemand getraute sich zur Stelle, kein Wind konnte es löschen.Eines Tages kam aus Amerika die Nachricht, daß der Bauer drüben "fahrisch" (= tiefsinnig), ja nahezu halb verrückt geworden sei. In seinen wirren Reden habe er es immer mit einem verschacherten Hofkreuz zu tun gehabt.

Da sein Bruder inzwischen den Hof übernommen, d. h. zurückgekauft hatte, ließ er als erstes wieder ein großes Hofkreuz am alten Platz errichten und weihen. Zur gleichen Zeit benachrichtigte er seinen Bruder drüben von seiner Tat.Von dort kam bald die Nachricht, daß der Bruder wieder geheilt wäre. Auch das blaue Freitagslicht war verschwunden.

40. Allerlei Hexengeflüster aus alter Zeit

In den Sagen kommt viel von Hexen und Verhexerei vor, 51). Es konnten weibliche, aber auch männliche Hexen sein. Im gewöhnlichen Tageslauf waren es biedere Dorfleute. Ihr unheimliches Können stammte vom Teufel, dem sie ihre Seele verschrieben hatten. Natürlich wollte man gern solche Mitmenschen entlarven. Wenn man sich in der Weihnachtsmette während der Wandlung auf ein Brettchen aus neunerlei Holz kniete, konnte man die Hexen in der Kirche erkennen. Sie trugen statt des Kopftuchs ein Buttersieblein wie eine Brautkrone auf dem Kopf.

51) Hexensagen; vgl. auch Sagen Nr. 2, 21, 40; Anm. 38.

Nun machten sich hier einmal drei junge Burschen den Jux, sich ein winziges. Brettchen aus neunerlei Spänen zu fertigen, trugen's unter der Joppe mit zur Mette und knieten sich während der Wandlung darauf. Allerdings kam jetzt das Schwierigste: Sie mußten sich umdrehen, was doch im heiligsten Augenblick des Gottesdienstes gegen Andacht und Sitte verstößt. Da bleckten ihnen einige Frauen und Mädchen die Zunge heraus.
Nun wurde es den Burschen unheimlich. Kaum war der letzte Orgelton verklungen, drängten sie sich durch die Leute zur Kirche hinaus. Aber da regnete es schon von allen Seiten unsichtbare Ohrfeigen und Maulschellen. Man hörte das Klatschen, sah die Burschen mit eingezogenen Köpfen davonlaufen. Die alten Leute schmunzelten darüber, denn sie wußten, was das bedeutete.

In der Walpurgisnacht aber klatschten die Burschen gerade vor den Hexenhäusern ganz gewaltig mit ihren Peitschen, so daß einmal alle Dörfler um die Wahrheit wußten, andernteils aber die Hexen an ihrem Blocksbergritt gehindert wurden. Auch auf einem Kreuzweg stehend, während der Neujahrsnacht oder der Mettennacht, konnte man die Hexenhäuser des Dorfes erkennen an allerlei Seltsamkeiten, wie einer schwarzen Katze, als Eule, als eine Rauchsäule.
Das Hexenzaubermittel war die Hexensalbe, bereitet aus Schlangen-, Kröten-, Käuzdien- und Katzenfett, darunter der Saft von neunerlei Kräutern, deren wichtigste die Milch der Sonnenwolfsmilch war. Wurzbüschelpflanzen durften nicht dabei sein, denn die enthielten Gegenzauber.

Mit dieser Salbe rieben sich die Hexen ein, bevor sie durch die Luft flogen, bevor sie jemandem etwas antun wollten. Mittels der Salbe entwich die Seele, d. h. der Geist dem Leibe, und entfloh mit dem Scheinleib. Der wahre Körper blieb daheim in einem todähnlichen Zustand liegen, bis der Geist von seinem nächtlichen Spuk heimkehrte. Am Tag nach solchen Ausflügen war die Hexe müde, abgespannt und in einem rauschähnlichen Zustand. Bestrich man mit der Salbe den Rührstampfer, so butterte man aus blankem Wasser die fettreichste Butter.

Davon eine Sage, die man öfter hört und die auch in Neusig erzählt wurde. Als der Reeftrager abends zu einer Bäuerin kam, die Butter für den Verkauf nach Bayreuth abzuholen, hatte die Frau noch nicht gebuttert. Der Händler war müde und legte sich auf den warmen Schindelofen, bis ausgebuttert war. Bald kam die Frau in die Stube, guckte zum Ofen und wähnte den Mann schlafend. Dann nahm sie vom Türbordbrettchen ein Büchslein und bestrich den Ausrührer, hierauf schüttete sie blankes Wasser ins Butterfaß. Der Mann aber schlief nicht, so daß er alles genau beobachten konnte. Kaum hatte die Frau zu rühren begonnen, quoll die schönste Butter aus dem Faß. Die Bäuerin ging in die Küche, Wasser zum Durchkneten zu holen. In der Zeit entnahm in Windeseile der Händler etwas Salbe dem Büchschen und tat als schlief er weiter.

Als er mit dem Korb voll Butter daheim war, befahl er seiner Frau ins Butterfaß Wasser zu schütten, dann bestrich er den Stampfer und begann zu rühren. Die Frau glaubte, ihr Mann sei übergeschnappt; sie jammerte sehr, hörte aber sofort auf, als das Faß voll köstlichster Butter war. Aber die Hexe merkte den Diebstahl und piesackte den Händler derart, daß er Schweigen gelobte und der Hexe den Butterentfall rückzahlte. Mit der Salbe bestrich man die Kuheuter, so daß statt Milch Wasser oder gar Blut kam. Wer immer ein vierblätteriges Kleeblatt bei sich trug, besaß den besten Talisman gegen Hexen und ihr Werk.

Ich unterhielt mich gern mit einem sehr alten Mann, der nun schon viele Jahrzehnte unter der Erde liegt. Von ihm behaupteten die Dörfler, daß er das böse "Geschau" habe. Bedenkliche Dinge erzählte man mir insgeheim. Gerade deshalb ließ ich mich. mit ihm ein.
Viel vertraute mir der Alte an, ob voll Stolz oder Wichtigtuerei, oder im Glauben an seine Kräfte - ich weiß es nicht. Er sagte wortwörtlich: "Ich kann nichts dafür, daß all meine Wünsche auf andere in Erfüllung gehen, ob gedacht oder gesprochen, ob gut oder böse. Ich bin eben ein Karfreitagskind. Da hat mir einmal ein großer Gäulsbauer in mein Feld, ohne Recht, seine Mähn gemacht und mir die schöne Saat fünf Meter breit vernichtet. Da kam mir der Zorn und ich sagte. Deine Gäule sollen kreuzlahm wer den für meinen Schaden. Und wirklich: Der Bauer mußte bald darauf seine Pferde verkaufen, da sie nimmer gehen konnten. - Ich kann auch Gewitter wegbetenl" Natürlich lachte er nicht über diese Anmaßung. An einem gewittrigen

Sonntagnachmittag begegnete ich dem Alten auf einem Spaziergang und eröffnete ihm meine Gewitterangst. Da lächelte er schlau und tröstete: "Sie brauchen keine Angst haben, ich helf ihnen, daß kein Gewitter ins dorf kommt heut nacht". Und tatsächlich: alles Knurren und Wetterleuchten berührte nur die Peripherie des Dorfes. Natürlich ließ ich dem Alten seinen Glauben als er mir nächstens tags strahlend zurief: "Was hab ich gesagt". Nun bat ich ihm, ob er mir vertraulich nicht sein Können verraten wolle. Stolz lud er mich in seine einsame Stube ein, damit niemand es höre. War die voll Merkwürdigkeiten, Schnurren und Sonderheiten.

Flüsternd wurde mir sein Geheimnis verraten. "Erst bet' ich das Confiteor (Schuldbekenntnis), dann gegen die Gewitterseite das Johannesevangelium: im Anfang war das Wort. Das muß so sein, weil in beiden Gebeten die Namen der zwei großen Johannes vorkommen. Dann segne ich die Gewitterwolken und beschwöre sie in die Richtung, die ich haben will".Einst machte er mit seinem Nachbarn einen Ackerverkauf aus. Als man sich einig war, fuhr man zum Notar wegen der Überschreibung. Doch plötzlich stellte der Alte andre Bedingungen. Wahrscheinlich reute ihn der Verspruch, so daß der Verkauf nicht zustande kam. Natürlich wurde der Käufer zornig und nannte ihn einen Lumpen. "Den Lumpen sollst du noch heut büßen!- schrie verheißungsvoll der Alte. Unverrichteter Sache fuhr man wieder heim. Und was geschah? Als sich der genarrte Käufer daheim auszog, "tropfte" er nur so von Läusen aller Art. Vom Kopf fielen sie nur so herunter, aus dem Joppenkragen zappelten sie und das Hemd wimmelte. Nun lacht man ungläubig über solche Dinge. Doch sie waren wahr, denn ich Überzeugte mich sofort, als ich davon hörte. Es war ein unheimliches Gefühl. 

Reinhard

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